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B(r)uchstücke der Literatur LXXIV – Vergleiche

B(r)uchstücke der Literatur LXXIV – Vergleiche

Schreibende können ihre Leser auf verschiedenste Weisen beeindrucken. An vorderster Reihe stehen natürlich der Inhalt der Geschichte und die Fähigkeit mit dem Schreibstil Spannung, Visualisierung, Emotionen oder Poesie zu vermitteln. Diese Eigenschaften zählen zu den wichtigsten Motiven, warum wir uns für das Werk eines bestimmten Schriftstellers entscheiden. Wie originell der Geist eines Autors ist, kann man jedoch auch an den nebensächlichen Bestandteilen eines Romans ermessen – wie etwa Vergleiche.

Die innere Dimension des Menschen.

Harry Mulisch, Foto: © Michiel Hendryckx

„In jedem Deiner Zellkerne, Aurora, steckt die genetische Information für den Bau Deines ganzen Körpers, von der Farbe deiner Augen und der Form deiner Ohrmuscheln bis hin zur Konstruktion deines kleinen Herzens; ein Buch mit einer Million dichtbedruckter Seiten – das entspricht etwa dem Umfang von fünfhundert Bibeln, von denen jede dreieinhalb Millionen Buchstaben hat. Und das hunderttrillionenmal. Einer meiner Kollegen, David Suzuki, hat einmal ausgerechnet, dass ein einziger DNA-Strang, das sogenannte „Genom“, das in jeder menschlichen Zelle zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammengewickelt ist, gut zweieinhalb Meter lang wäre, wenn man es aufdröseln könnte; und dass die gesamte DNA all Deiner Zellen zusammen so lang wäre, wie eine Million Mal die Strecke zum Mond und zurück.“
Die Prozedur, Harry Mulisch (1927-2010), (deutsch: Gregor Seferens)

Der menschliche Geist als poetischer Eindruck.
„Ihr Geist sprudelte vor ihm hervor wie ein frischer Quell, der gerade zum erstenmal das Sonnenlicht schaut und darüber staunt, wie sich Erde und Himmel in ihm widerspiegeln. Auch tiefe Gedanken kamen zum Vorschein und köstlich blitzende Einfälle, als ob Diamanten und Rubinen aus den Wellen des Bächleins hervorblinkten.“
Die schönsten Liebesgeschichten der Welt, Die Blumen des Bösen, Nathaniel Hawthorne (1804-1864), (deutsch: Franz Blei & Elma Patema)

Nathaniel Hawthorne, Foto: © U.S. National Archives and Records Administration

Das veränderliche Tageslicht.
„Das schale, matte Tageslicht, das durch das Fenster und das Oberlicht sickerte und auf den Scheiben einen schwärzlichen Rückstand ließ, fiel auf Bücher und Papiere und die darüber gebeugten Gestalten, hüllte sie in ein huschendes Halbdunkel und machte sie so unwirklich, als wären sie auf dem Meeresboden versammelt, während ein muffiges, kleines, feuerfestes Gewölbe, in dem immer eine abgeschirmte Lampe brannte, an die Höhle eines Meeresungeheuers erinnerte, das mit seinem roten Auge die Mysterien der Tiefsee beobachtete.“
Dombey und Sohn, Charles Dickens (1812-1870), (deutsch: Maria von Schweinitz)

Charles Dickens, Foto: © Nate D. Sanders

Wenn das Haus einem Schiff gleicht.

Robert Musil, Foto: © viadellebelledonne.files.wordpress.com

„Und unabwendbar kam dann der Augenblick, wo das Haus, darin sie sich befanden, einem Schiff glich, das auf eine unendliche, nur dieses Schiff widerspiegelnde Einöde hinausgleitet: die Geräusche der Ufer werden immer schwächer, und schließlich erstirbt alle Bewegung; die Gegenstände werden dann ganz stumm und verlieren die unhörbare Stimme, mit der sie den Menschen ansprechen; die Worte fallen, ehe sie noch gedacht sind, wie kranke Vögel aus der Luft und ersterben; das Leben hat nicht einmal mehr die Kraft, die kleinen, flinken Entschlüsse hervorzubringen, die so wichtig wie unbedeutend sind: aufzustehen, einen Hut zu nehmen, eine Tür zu öffnen oder etwas zu sagen. Zwischen dem Haus und der Straße lag dann plötzlich ein Nichts, durch das weder Agathe noch Ullrich hindurch konnten, aber im Zimmer war der Raum zu einem höchsten Glanz geschliffen, der geschärft und gebrechlich, wie alles Höchstvollendete war, wenn ihn das Auge auch nicht unmittelbar wahrnahm. Das war die Angst der Liebenden, die auf der Höhe des Gefühls nicht mehr wussten, welche Richtung aufwärts und welche abwärts führt. Sahen sie jetzt einander an, so konnte sich das Auge in süßer Qual nicht von dem Anblick zurückziehen, den es sah, und versank wie in einer Blumenwand, ohne auf Grund zu stoßen.
Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942)

Der Kirchturm zu verschiedenen Tageszeiten.

Marcel Proust, Foto: © enlenguapropia.files.wordpress.com

„Wenn wir nach der Messe noch bei Theodor vorbeigingen, um ihm zu sagen, er möge uns eine größere Brioche als gewöhnlich schicken, da unsere Verwandten das schöne Wetter benutzt hätten, um von Thiberzy zum Mittagessen herüberzukommen, so hatten wir den Glockenturm vor uns, der von der Sonne gleichsam goldbraun gebacken mit seinem blätterigen Dach und den klebrigen Tropfen, die die Hitze hervorlockte, dem Aussehen nach selbst eine überdimensionale geweihte Brioche, seine scharfe Spitze in den blauen Himmel schob. Und am Abend, wenn ich vom Spaziergang heimkehrte und an den nahen Augenblick dachte, wo mich meiner Mutter gute Nacht sagen und dann auf ihren Anblick verzichten müsste, lag er im Gegenteil so sanft im Licht des sinkenden Tages da, dass er wie ein Kissen aus dunklem Samt leicht in den blassen Himmel eingedrückt schien, der nachgebend sich ein wenig zurückgewölbt hatte, um ihm Platz zu machen und weich an den Rändern hervorquoll; die Schreie der Vögel, die ihn umkreisten, schienen sein Schweigen noch zu vermehren, seine Spitze noch schlanker emporzutreiben und ihm etwas ganz und gar Unsägliches zu verleihen.“
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, In Swanns Welt, Marcel Proust (1871-1922), (deutsch: Eva Rechel-Mertens)

Alltägliche Geschöpfe und Pharaonen.

„Zwischen den Pfosten reihten sich die Milchkühe, und dem Beschauer, der hinter ihnen stand, erschien jedes Tier in diesem Augenblick, als ein Kreis auf zwei Stelzen, von dessen Mittelpunkt herab sich wie ein Pendel ein Zopf bewegte, während die Sonne, die hinter dieser geduldigen Reihe hinabsank, ihre Schatten scharf nach innen auf die Wand warf. So zeichnete sie Abend für Abend die Schatten dieser ruhmlosen und ungekünstelten Gestalten mit ebenso großer Sorgfalt für jede Kontur, als handelte es sich um das Profil einer Hofschönheit vor der Wand eines Palastes, kopierte sie so emsig, wie sie in alten Zeiten olympische Gestalten auf marmorne Fassaden kopiert hatte oder die Umrisse Alexanders, Cäsars und der Pharaonen.“
Tess von d´Urberville, Thomas Hardy (1840-1928), (deutsch: Paul Baudisch)

Thomas Hardy, by William Strange, Foto: © National Portrait Gallery, London

Voreingenommenheit.
„Für den Lehrer sind weibliche Jugend und weiblicher Charme wie Wandteppiche, von denen man ihm andauernd nur die falsche Seite zeigt; und selbst wenn er die weiche, hübsche äußere Oberfläche sieht, dann weiß er doch nur zu gut, welche Knoten, unsauberen Stichen und zerfransten Enden dahinter sind, so dass er kaum in Versuchung gerät, die schicklichen Formen und leuchtenden Farben, die dem Publikum zur Betrachtung dargeboten werden, allzu sehr zu bewundern.“
Der Professor, Charlotte Bronte (1816-1855), (deutsch: Gottfried Röckelein)

Charlotte Bronte, Foto: © University of Texas

Vergleiche in der Literatur anzustellen bedeutet, dem Leser eine zweite Sicht, auf ein in Worte gefasstes Bild zu geben, und dabei ist immer wieder interessant, wie weit die Fantasie des Schreibenden reicht.
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !