Seite auswählen

Zwei himmlische Geschöpfe machen irdische Karriere

Zwei himmlische Geschöpfe machen irdische Karriere

Auch wenn Künstler noch so berühmt sind, schufen sie nicht ausschließlich Bilder von höchster Intensität und Qualität – was man auch nicht erwarten kann. So haben auch die anerkannten Meister des Pinsels einzelne Haupt- oder Schlüsselwerke, die als Ikonen in die Geschichte der Kunst eingingen. Eines dieser seltenen Objekte schuf der Italiener Raffaello Sanzio (1483-1520) mit seiner „Sixtinischen Madonna“ (1512).

Sixtinische Madonna, Foto: ©Ricardalovesmonuments

Dieses Gemälde zählt heute zu den bedeutendsten Kunstwerken der Renaissance und wurde von Papst Julius II. (1443-1513) bei Raffael in Auftrag gegeben. Julius II. der ein großzügiges Mäzenatentum lebte, und auch den Neubau der Peterskirche anstieß, stiftete, auf Grund der Einverleibung von Piacenza in den Kirchenstaat, das Gemälde für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in ebendieser Stadt. Um im 18. Jahrhundert die Renovierung der Kirche finanzieren zu können, verkaufte man das Bild an August III. von Polen-Sachsen, der es nach Dresden brachte, wo es heute noch ist. Im Kloster San Sistso befindet sich jetzt eine Kopie des Gemäldes von 1730.

 

Das Bild zeigt die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Flankiert werden sie von der Hl. Barbara und Papst Sixtus II. (um 250) deren Reliquien die Kirche verwahrte. Die „Sixtinische Madonna“, deren Bezeichnung auf Papst Sixtus zurückgeht, trägt dermaßen schöne Gesichtszüge, dass die Gemäldegalerie Alter Meister in Dresden im Jahr 1956 ihr eine Ausstellung mit dem Titel „Die schönste Frau der Welt wird 500“ widmete. Ein besonderer Kunstgriff Raffaels war der Hintergrund des Gemäldes im oberen Teil des Bildes. Was auf den ersten Blick wie ein wolkiger Himmel erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als unzählige Engelsköpfe.

 

Vor 230 Jahren jedoch begann ein anderer Aspekt des Meisterwerks die Blicke und Sinne der Betrachter zu fesseln – die beiden Engelbüsten am unteren Rand des Bildes. Damals fertigte der Schweizer Maler Heinrich Meyer ein Deckenfresko nach Annibale Carraccis (1560-1609) Bild „Der Genius des Ruhms“ an. In diesem Fresko, das nach einem Brand in der Anna Amalia Bibliothek/Weimar nur mehr in einer Rekonstruktion von 2014 existiert, wurde ein Engel Raffaels zum ersten Mal außerhalb des Originals verwendet.

 

Dass sich die Kunstwelt für die beiden Engel zu interessieren begann ist nicht weiter verwunderlich, denn sie sind ungewöhnliche Geschöpfe. Im Gegensatz zu anderen Gottesboten der Renaissance wirken diese beiden keineswegs heilig und unantastbar. Sie vermitteln nicht den Eindruck als Kämpfer gegen das Böse oder schützende Heilsbringer, und auch nicht als glorifizierender Schmuck. Eigentlich erscheinen sie als Kleinkinder mit Flügeln, die neugierig und interessiert ein Geschehen betrachten. Die Haare wirr und die Arme aufgestützt sind sie eher unserer Welt zugeordnet als der jenseitigen.
Der Siegeszug der himmlischen Boten setzte sich in Bewegung und der Maler August von der Embde porträtierte 1804 beide in einzelnen Gemälden. Wenige Jahre später hatten bereits Porzellanmanufakturen deren dekorativen Charakter erkannt.

 

Ab 1890 waren die beiden Engel bereits derart bekannt, dass sie auch für Parodien herhalten mussten.

 

In der heutigen Zeit ist das Sujet zu einer Ikone mutiert und der Wiedererkennungswert ist so groß, dass die beiden Himmelskinder in der Werbung universell einsetzbar sind. Man findet sie auf Dosen, Bettwäsche, Alkohol, Käse, Schirme, bis hin zum Toilettenpapier. Die hemmungslose Vermarktung hat auch seinen Preis, denn ihre himmlische Ausstrahlung und jenseitige Aura haben sie dadurch größtenteils eingebüßt.

 

Röntgenologische Untersuchungen am Gemälde haben zur Erkenntnis geführt, dass das Engelpaar erst später angefügt wurde, und man hält sogar für möglich, dass sie nicht von Raffaels Hand stammen. Es stellt sich auch noch die Frage, wie es dem malenden Urheber dieser überirdischen Wesen gefallen hätte, zu wissen, dass ihr Auszug aus dem Himmel, in den Fängen einer fragwürdigen, unsensiblen Werbeindustrie ein vorläufiges Ende fand.
Euer Kultur Jack!

Beitragsbild: wga.hu

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !