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B(r)uchstücke der Literatur LII – Vorstellungen

B(r)uchstücke der Literatur LII – Vorstellungen

Die Freude am Leben und der Wunsch, alle daran teilhaben zu lassen.

Foto: © mynewsdesk.com

Ich merkte wie ich mich an Ferdinand als denjenigen klammerte, der von den Alten, den Gespenstern, noch übrig war. Er war der Einzige, der noch lebte. Er verkörperte für mich den Gedanken, den der Mensch hatte, wenn er sich selbst aus irgendeinem Grunde sehr glücklich fühlte. Er wollte, dass einer der Toten, mit dem er verbunden gewesen war, Zeuge seines Glücks sein müsste und Anteil haben sollte an der Herrlichkeit, die darin bestand, zu leben. In solchen Stunden wünschte man sich – und sei es auch nur für einen einzigen Tag – seine Toten aus ihren Gräbern ausgraben zu können und sie alles sehen und erleben zu lassen. Man wollte es ihnen richtig gut gehen lassen, wenigstens diesen einen Tag, sie alles das erleben lassen, was mitzumachen ihnen zu Lebzeiten nicht vergönnt gewesen war. Es war der Traum, versöhnen zu können, der Traum, den Verschiedenen seine Liebe zu zeigen, aber auch der Wunsch > sich zeigen < zu dürfen. Dieser egoistische Gedanke unter dem Deckmantel des Wohlwollens war so oft in mir aufgetaucht. Aber gleich darauf hatte ich gedacht, die Toten würden es vielleicht nicht der Mühe wert finden.
Waldwege, Ivar Lo – Johansson (1901-1990)

Ist der Rat „Folge deinem Herzen“ immer der beste im Leben?!

Foto: © Kultur Jack

Und ich denke an etwas, das Hobie gesagt hat: Schönheit verändert die Maserung der Realität. Und ich denke auch an jene konventionellere Weisheit: nämlich, dass das Trachten nach Schönheit eine Falle ist, eine Schnellstraße, die in Bitternis und Trauer führt. Schönheit muss mit etwas Sinnvollem vermählt sein.
Nur, was wäre das? Warum bin ich geschaffen, wie ich bin? Warum liegt mir alles an den falschen Dingen und nicht an den richtigen? Oder, um es anders zudrehen: Wieso sehe ich so klar, dass alles, was ich liebe, was mir am Herzen liegt, Illusion ist, und wieso liegt – für mich jedenfalls – alles, wofür sich zu leben lohnt, in diesem Zauber?
Ein großes Leid und eines, das ich erst anfange zu verstehen: Wir können uns unser eigenes Herz nicht aussuchen. Wir können uns nicht zwingen zu wollen, was gut für uns und gut für andere ist. Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.
Denn – wird es uns nicht ständig eingehämmert, von Kindheit an? Diese nie hinterfragte Plattitüde in der Kultur…? Von William Blake bis Lady Gaga, von Rousseau und Rumi über Tosca und Mister Rogers, ist die Botschaft wundersam einförmig und von oben bis unten akzeptiert: Was ist im Zweifel zu tun? Woher wissen wir, was richtig für uns ist? Jeder Psychiater, jeder Karriereberater, jede Disney-Prinzessin kennt die Antwort: „Sei du selbst.“ „Folge deinem Herzen.“
Aber jetzt möchte ich wirklich, wirklich einmal erklärt bekommen: Was ist, wenn einer zufällig von einem Herzen besessen ist, dem nicht zu trauen ist? Was ist, wenn das Herz einen aus eigenen, unerforschlichen Gründen willentlich und in einer Wolke unaussprechlichen Leuchtens wegführt von Gesundheit, Häuslichkeit, staatsbürgerlicher Verantwortung, starken gesellschaftlichen Bindungen und allen unbestrittenen gemeinsamen Tugenden, geradewegs hinein in das schöne Lodern des Verderbens, der Selbstzerstörung, der Katastrophe? Hat Kitsey recht? Wenn dein tiefstes Inneres dich singend zum Scheiterhaufen lockt, sollst du dich dann lieber abwenden? Dir die Ohren mit Wachs verstopfen? Den perversen Glanz ignorieren, von dem dein Herz dir zubrüllt? Dich selbst auf einen Kurs bringen, der dich pflichtschuldigst zur Norm führt, zu vernünftigen Arbeitszeiten und regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, zu stabilen Beziehungen und einer zielstrebigen Karriere, New York Times und Brunch am Sonntag, und das alles verbunden mit der Verheißung, irgendwie ein besserer Mensch zu werden? Oder ist es besser, dich – wie Boris – kopfüber und lachend in das heilige Wüten zu stürzen, das deinen Namen ruft?
Es geht nicht um äußeren Schein, sondern um innere Bedeutung. Um eine Pracht in der Welt, aber nicht von der Welt, eine Pracht, die die Welt nicht verstehen kann. Um jenen ersten Blick auf das reine Andere, in dessen Anwesenheit du auswärts erblühst und blühst und blühst.
Ein Ich, das man nicht will. Ein Herz für das man nichts kann.
Der Distelfink, Donna Tarrt (geb. 1963)

Jeder Tag des Lebens ist Lernen.

Übrigens geht der Mensch in die Schule alle Tage, und keiner mag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am Abend seines Lebens glauben werde. Darum wollen wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten. Aber dahin muss die Welt gelangen, dass sie mit eben der guten Ruhe, mit welcher sie ein unbekanntes Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel entdeckt, auch die Vorgänge und Ergebnisse des geistigen Lebens hinnimmt und betrachtet, auf alles gefasst und stets sich selbst gleich, als eine Menschheit, die in der Sonne steht und sagt: “Hier steh ich!“
Der grüne Heinrich, Gottfried Keller (1819-1890)

Foto: © Universität Zürich

 

Der Wandel des Lebens ist unvorhersehbar.
So lag in der Jugend das Leben noch wie ein unerschöpflicher Morgen vor ihnen, nach allen Seiten voll von Möglichkeiten und Nichts, und schon am Mittag ist mit einem Mal etwas da, das beanspruchen darf, nun ihr Leben zu sein, und das ist im Ganzen doch so überraschend, wie wenn eines Tages plötzlich ein Mensch dasitzt, mit dem man zwanzig Jahre lang korrespondiert hat, ohne ihn zu kennen, und man hat ihn sich ganz anders vorgestellt.
Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942)

Foto: © viadellebelledonne.files.wordpress.com

 

Die Frucht der Aufklärung.

Foto: © Carl van Vechten Collection

„…Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens. Er ist nicht mehr jene Blüte der ganzen Welt, auf die diese in einem langsamen Entwicklungsprozess hingearbeitet hat. Er ist mit allen Dingen verquickt, er ist mit allen Dingen auf gleicher Ebene, er ist ein Teil des Unendlichen, weder mehr noch weniger wichtig als die anderen Teile. Die Erde geht in die Bäume Über, die Erde in die Früchte, die Früchte in Menschen und Tiere, Mensch und Tier sinken wieder in die Erde. Der Kreislauf des Lebens lässt eine vielfältige Welt entstehen, in dem für eine Sekunde Formen auftauchen, um gleich wieder verschluckt zu werden und dann wieder zu erscheinen, sie überdecken einander, durchdringen einander, wenn sie wie Wellen auf – und absteigen.“
Nexus, Henry Miller (1891-1980)

Welches Thema sollte Schriftsteller mehr inspiriert haben als das Leben an sich. Sie blickten alle, so wie wir und jeder Einzelne, auf ein Mysterium.
Euer Kultur Jack!

Beitragsfoto: Pixabay

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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