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B(r)uchstücke der Literatur XLVII – Kopfgeburten

B(r)uchstücke der Literatur XLVII – Kopfgeburten

Der „Waldbauernbub“ trug nicht nur die grüne steirische Heimat und deren Bewohner in seinem Kopf.

Foto: © Österreichische Touristenzeitung

„In diesem Hause herrschte ein schöner Brauch den ich in anderen Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende, wenn die Familie auseinandergeht, reichen sich Eltern, Kinder und Geschwister die Hand und sagen: „Behüt´ dich Gott über Nacht!“ Sie sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir wieder einmal ins Bewusstsein gebracht, was das heißt: die Nacht! – „Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: der Schlaf! „Er ist des Todes Bruder!“- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und vertraut seinem Herzschlag, dass er den Leib warm erhalten werde. Bald hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist gerade so gut aus, als ob´s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut aus, als ob´s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt, so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. – Und wenn es wieder anfängt, so ist es wie eine neue Weltschöpfung, ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles, was dem Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander: Guten Morgen!“
Erdsegen, Peter Rosegger (1843-1918)

Das Interesse an  fremden Zeitgenossen.

Foto: © Kultur Jack

Ich war fasziniert von Fremden, wollte wissen, was sie aßen, welche Filme sie anschauten, was für Musik sie hörten, ich wollte unter ihre Betten schauen und in ihre geheimen Schubladen und Nachttische und in die Taschen ihrer Mäntel. Oft sah ich interessant aussehende Leute auf der Straße und dachte dann tagelang ruhelos an sie, stellte mir ihr Leben vor, dachte mir Geschichten über sie in der U-Bahn und im Crosstown-Bus aus. Jahre waren vergangen, und ich hatte immer noch nicht aufgehört, an die beiden dunkelhaarigen Kinder – Bruder und Schwester – in den Uniformen der katholischen Schule zu denken, die ich in Grand Central gesehen hatte, wo sie buchstäblich versuchten, ihren Vater an den Ärmeln seines Jacketts aus einer schmuddeligen Bar zu zerren. Auch das zerbrechliche, zigeunerhafte Mädchen im Rollstuhl vor dem Carlyle Hotel hatte ich nicht vergessen, dass atemlos auf Italienisch mit dem flauschigen Hund auf seinem Schoß geredet hatte, während hinter ihr ein smarter Typ mit Sonnenbrille (Vater? Bodyguard?) offenbar eine geschäftliche Verhandlung am Telefon führte. Seit Jahren drehte ich diese Fremden im Kopf hin und her und fragte mich, wer sie waren und wie sie lebten, und ich wusste, jetzt würde ich nach Hause gehen und über dieses Mädchen und ihren Großvater genauso nachdenken.“
Der Distelfink, Donna Tarrt (geb.1963)

Die Möglichkeiten des Poeten.

Foto: © Fillipo Venturi Photography Blog

„Ein Dichter ist Ozean und Löwe in einem. Während der eine uns ertränkt, zerfleischt uns der andere. Überleben wir die Zähne, unterliegen wir den Wellen. Ein Mensch, der Illusionen zerstören kann, ist beides, reißendes Tier und reißende Flut. Illusionen sind für die Seele, was die Atmosphäre für die Erde ist. Rolle diese zarte Decke von Luft ein, und die Pflanze stirbt, die Farbe verblasst; die Erde unter unseren Füßen ist ausgeglühte Schlacke; wir treten auf Mergel, und feurige Pflastersteine versengen uns die Sohlen. Durch die Wahrheit werden wir zunichte. Das Leben ist ein Traum; das Erwachen ist´s, was uns tötet. Wer uns unsere Träume raubt, raubt uns das Leben.“
Orlando, Virginia Woolf (1882-1941)

 

Die wiederholende Alltäglichkeit des Lebens hinzunehmen und sie trotzdem als Rätsel und Mysterium zu sehen.

Foto: © Ebay

„Das Licht und die Hitze des Tages (dieser Segen), die gleichbleibende Geruhsamkeit des Lebens einer jeden Kuh, das dem Leben der anderen Kühe entsprach, der verliebte alte Mann, der die geschmeidigen Bewegungen dieser tüchtige, energischen Frau verfolgte, dir Verklärung, der er sich hingab, der Eindruck, als hätte er nie etwas Ergreifenderes erlebt, und auch mein eigenes bereitwilliges Warten, meine eigene Faszination angesichts der extremen Unvereinbarkeit dieser beiden menschlichen Typen, angesichts der Vielfalt, der Variationsbreite, der anarchischen Ungeregeltheit sexueller Verbindungen, und angesichts des Gebots an Mensch und Vieh, an hochdifferenzierte ebenso wie an kaum differenzierte Lebensformen, zu leben und das Leben nicht bloß zu ertragen, sondern es zu leben und seine sinnlose Bedeutsamkeit fortwährend hinzunehmen, weiterzugeben, zu füttern, zu melken, und aus vollem Herzen als das Rätsel anzuerkennen, das es ist – all dies wurde von zehntausend winzigen Eindrücken als Teil der Wirklichkeit bestätigt. Die sinnliche Fülle, der Überfluss, die reichliche, überreichliche Vielfalt der Einzelheiten, die die Rhapsodie des Lebens ausmachen. Und Coleman und Faunia, die jetzt tot sind und die damals Tag für Tag, Minute für Minute tief in den Fluss des Unerwarteten eingetaucht und selbst zwei Einzelheiten dieser Überfülle waren.
Nichts hat Bestand und doch vergeht nichts. Und nichts vergeht, eben weil nichts Bestand hat.“
Der menschliche Makel, Philip Roth (1933-2018)

Wir reagieren auf äußere Einflüsse mit vorgefassten Meinungen.

Foto: © Musil, Jounaux

„Es lässt sich mit dem merkwürdigen Vorgang vergleichen, durch den man in der Jugend geistige Einflüsse aufnimmt; man nimmt da auch nicht jede beliebige Wahrheit in sich auf, sondern eigentlich nur solche, der aus dem eigenen Inneren etwas entgegenkommt, die also in einem gewissen Sinn nur erweckt wird, so dass man sie in dem Augenblick schon kennt, wo man sie kennen lernt. Es gibt in dieser Zeit Wahrheiten, die für uns bestimmt sind, und solche, die es nicht sind; Erkenntnisse sind heute wahr und morgen falsch, Gedanken leuchten auf oder verlöschen, – nicht weil wir unsere Meinung ändern, sondern weil wir mit unseren Gedanken noch durch unser ganzes Leben zusammenhängen und, von den gleichen unsichtbaren Quellen gespeist, uns mit ihnen heben und senken. Sie sind wahr, wenn wir uns in dem Augenblick, wo wir denken, steigen fühlen, und sie sind falsch, wenn wir uns fallen fühlen. Es gibt etwas Unausdrückbares in uns und der Welt, das dabei gemehrt oder gemindert wird. In späteren Jahren ändert sich das; die Gefühlslagerung wird unveränderlicher und der Verstand wird zu jenem außerordentlich beweglichen, festen, unzerbrechlichen Werkzeug, als das wir ihn kennen, wenn wir uns von keinerlei Gefühl beeinflussen lassen. In diesem Zeitpunkt hat sich dann die Welt schon geteilt; auf der einen Seite in die der Dinge und verlässlichen Empfindungen von ihnen, der Urteile und, so auch zu sagen, anerkannten Gefühlen oder Willen; auf der anderen Seite in die der Subjektivität, das heißt der Willkür, des Glaubens, des Geschmacks, der Ahnung der Vorurteile und alle jener Unsicherheiten, zu denen sich zu verhalten, wie sie mag, eine Art Privatrecht der Person bildet, ohne öffentlichen Anspruch. Wenn Das geschehen ist, mag die persönliche Betriebsamkeit alles oder nichts ausschnüffeln und in sich aufnehmen, selten geschieht es in der hartgebrannten Seele, dass sich in der Glut des Eindrucks auch die Wände noch dehnen und bewegen.
Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942)

Die Fähigkeit des Menschen denken zu können, ist nicht immer ein Vorteil, jedoch führt sie uns oftmals zu interessanten Einsichten und ist somit ein großer Schritt in der Weiterentwicklung.
Euer, Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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