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Thomas Ender – Eine Brasilienexpedition im Biedermeier

Thomas Ender – Eine Brasilienexpedition im Biedermeier

In der Gegenwart gestaltet sich eine Brasilienreise, wenn nicht gerade ein Virus die Welt lahmlegt, derart: sicherheitsbedingt stressiges einchecken am Flughafen, 17 Stunden beengtes Fliegen, Jetlag, 14 Tage Rundreise mit dicht gedrängtem Programm, 17 Stunden beengtes Fliegen, Jetlag – eine schöne Erinnerung.

 

Brasilienreise 1817: zweimonatige Überfahrt inklusive Stürme, langjährige Erkundung unbekannten Terrains mit geographischer Dokumentation und Sammeltätigkeit, Rückreise von gleich langer Dauer – ein Abenteuer für das ganze Leben.

 

Die Expedition:
Der Beginn des 19. Jahrhunderts fiel in eine turbulente Zeit. Napoleons Vormachtstellung in Europa wurde zerschlagen und er endgültig nach St. Helena verbannt. Brasilien wurde zum Königreich erhoben und mit Portugal in Personalunion verbunden. Portugal suchte Anschluss an das Haus Habsburg, unter Kaiser Franz I., und Österreichs Staatskanzler Metternich erstrebte mehr Einfluss in Lateinamerika. Und so taten die Habsburger, was sie am liebsten machten, um ihre Machtsphäre zu vergrößern: Heiraten!

 

Diese Vermählung zwischen dem Thronfolger Dom Pedro von Portugal und Erzherzogin Maria Leopoldine von Österreich war der Anlass für eine mehrjährig geplante Expedition nach Brasilien. Mit der wissenschaftlichen Leitung beauftragte Metternich den Direktor des k.k. Hof-Naturalienkabinetts Karl Franz Anton von Schreibers.

 

Dessen Team wurde der Zoologe Johann Natterer, der Botaniker Heinrich Wilhelm Schott, der Präparator Ferdinand Domonik Sochor, der Mineraloge Johann Baptist Emanuel Pohl, die Maler THOMAS ENDER und Johann Buchberger und für die Leitung der direkten Expedition den Professor für Naturgeschichte Johann Christian Mikan.

 

In damaliger Zeit erregte solch eine Expedition Aufsehen in ganz Europa und so schlossen sich Experten aus Bayern und Italien der Reisen an, womit der Stab auf 14 Personen anwuchs. Der praktische Zweck dieser Forschungsreise lag in der Erkundung neuer Handelswaren für Europa, und Pflanzen und Tiere, die bei uns klimatisch heimisch werden könnten.

 

Die Fregatten Austria und Augusta legten am 9. April 1817 von Triest ab, schwere Sturmschäden verzögerten die Ankunft in Rio de Janeiro und die Expedition startete erst am 4. November.

 

Die Forschungsreise vernahm keinen harmonischen Verlauf, denn die Teams zerstritten sich. Mikan wurde wegen des schlechten Arbeitsklimas abberufen, Ender bekam Probleme mit dem tropischen Klima und Buchberger laborierte an den Folgen eines Unfalls, an denen er 1821 auch verstarb. Die ersten Teile der Sammlung verließen 1818 Südamerika und diese drei Teilnehmer schlossen sich der Heimreise an.

 

Die restlichen Forscher gingen getrennte Wege und kümmerten sich um ihre eigenen wissenschaftlichen Belange. Auf Grund politischer Unruhen wurden die Teilnehmer 1821 zurückberufen und verließen Brasilien. Nur Natterer und Sochor verweigerten die Rückkehr und setzten die Expedition auf eigene Kosten und Risiken fort.

 

Zehn Reisen unternahmen die beiden Forscher, geplagt von tropischen Krankheiten, und an einer von diesen verstarb Sochor 1826. Natterer erreichte den Amazonas und die bolivianische Grenze, sammelte mehr als 1000 Säugetiere, 12.000 Vögel und 33.000 Insekten und kehrte erst 1836 nach Österreich zurück.

 

Jedoch bei weitem bedeutungsvoller als die gesammelte Fauna,  war die Sammlung ethnographischer Gegenstände, wie Waffen, Arbeitsgeräte und Schmuck, die Natterer nach Europa mitbrachte. Diese über 2000 Objekte fanden, nach jahrelangen Umwegen, 1928 eine endgültige Heimat, und bildeten einen Grundstock des heutigen „Weltmuseum“ in der Wiener Hofburg.

 

Der Künstler Thomas Ender (1793-1875):
Der in Wien geborene Landschaftsmaler errang bereits im Alter von 17 Jahren den 1. Preis der Akademie für Landschaftszeichnung, und 1817 den Großen Preis für Landschaftsmalerei, der von Kaiser Franz I. gestiftet wurde. Staatskanzler Metternich erwarb das prämierte Bild und wurde fortan sein Förderer.

 

Durch diese Unterstützung und sein handwerkliches Können erhielt Ender, trotz seiner Jugend, den Auftrag die Expedition nach Brasilien bildlich zu dokumentieren. Der junge Künstler ging sehr beflissen seiner Arbeit nach, denn auf der Überfahrt entstanden bereits 130 Aquarelle und Zeichnungen.

 

In den eineinhalb Jahren der Reise schuf der Künstler über 1000 Arbeiten, von denen sich 782 Blätter heute im Besitz des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste in Wien befinden. Dankenswerterweise hat mir diese Institution die Illustrationen zu diesem Beitrag hilfsbereit und unbürokratisch zur Verfügung gestellt.

 

Thomas Ender schlug auch malerischen Profit aus dieser Reise, denn bei dieser Menge an Arbeiten konnte er die Sicherheit im Strich seiner Zeichnung, und die Perfektion in der Handhabung des Aquarells festigen. Noch eine wesentliche Bedeutung dieser Arbeiten ist, dass Ender die Rolle des heutigen Fotografen einnahm und der Nachwelt, in berührender Weise, Brasilien und eine Art des Reisens zeigt, wie sie heute nicht mehr existieren.

 

Die Karriere des Künstlers begann eigentlich erst nach der Expedition, denn er durfte den Kaiser und den Staatskanzler auf einer vierjährigen Italienreise begleiten und erhielt danach ein Romstipendium, das sich über den gleichen Zeitraum erstreckte.

 

Von 1829-1853 war er Kammermaler von Erzherzog Johann und ein Teilnehmer an dessen Russland- und Orientreise. Ab 1837 Professor für Landschaftsmalerei an der Wiener Akademie und 1845 Kaiserlicher Rat. 1853 unternimmt der Maler nochmals eine große Italienreise und 1875 stirbt er in Wien.

 

Liebe Leute, das Ende dieses Beitrags führt uns zu seinem Anfang zurück, denn man kann sich die Frage stellen, welche Art der Reise man bevorzugt. Obwohl wesentlich gefährlicher, plädiere ich sofort für die Biedermeier-Variante, denn sie prägt die eigene Persönlichkeit unvergleichlich mehr als ein 14-tägiger Luxusurlaub.
Euer Kultur Jack!

Beitragsbild: Ansicht von Anhöhe Matta Cavallos nach der Wasserleitung von Rio de Janeiro, Foto: © Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste, Wien

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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