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139 Tote und ein Schrein

139 Tote und ein Schrein

Liebe Leute, an und für sich ist normal, dass die außergewöhnliche Arbeit eines Künstlers oder Handwerkers, ein fertiges Objekt zum Kleinod machen. Bei unserem heutigen Werk ist es jedoch so, dass, obwohl es ein wunderbar gefertigtes Stück Handarbeit ist, erst der Verwendungszweck es zum Kleinod macht.
Um die Spannung nicht unnötig auf den Höhepunkt zu treiben, sei gleich hier erklärt: Der viertürige, neobarocke Holzschrank besteht im Inneren aus 139 kleinen Laden, von denen jede einzelne einen Schlüssel zum Sarg einer Persönlichkeit aus dem Hause Habsburg beherbergt.

 

Hier ist eine kleine Einführung in das Zeremoniell beim Tode eines Mitglieds des Kaiserhauses hilfreich: War der Leichenzug mit dem Verstorbenen in der Wiener Kapuzinergruft angekommen, öffnete man den Holzsarg und der Guardian des Konvents wurde vom Oberstkämmerer gefragt, ob er den Toten kenne. Wurde die Frage mit Ja beantwortet, versperrte man den Sarg mit zwei verschiedenen Schlüsseln, von denen einer im Kapuzinerkonvent verblieb. Der andere wurde dem Obersthofmeister übergeben und dieser deponierte ihn in der Schatzkammer, in eben diesem Schrank.

 

Jedoch nicht nur die Bestatteten der Kapuzinergruft sind in diesem Schrein vertreten, sondern auch Habsburger, die in Seckau, Gmünd, Bozen, Esztergom, Linz, Gran, Mantua und Neuberg an der Mürz ihre letzte Ruhestätte fanden. Der älteste erhaltene Schlüssel gehört zum Sarg von Herzog Otto den Fröhlichen (1301-1339). Generell sind die Schlüssel aus der jüngeren Vergangenheit, die älteren reichen ins 17. Jahrhundert zurück. Die Kapuzinerkirche, samt Gruft, ist eine Stiftung von Kaiserin Anna (1585-16189, der Gattin von Kaiser Matthias. Die Gruft sollte eine Begräbnisstätte für sie und ihren Gemahl werden, heute beherbergt sie über 100 Särge.

 

Es ist schon ein sehr erlauchter Kreis der 139 Mitglieder, aber auch hier wird eine strenge Hierarchie eingehalten. So ist der Mittelteil des Schranks den Kaisern des Hauses Habsburg und deren engsten Angehörigen vorbehalten. Die restlichen Mitglieder der Familie sind auf die Laden der Seitenteile verteilt, wobei jede Lade beschriftet ist.

Detail, Foto: © Kunsthistorisches Museum Wien, Weltliche Schatzkammer

Besucht man heute die Schatzkammer, kann man den Schrank nur in geschlossenem Zustand besichtigen. Den Auftrag für dieses Objekt vergab Kaiser Franz Joseph I. an den Hoftischler Alexander Albert, im Jahr 1896. Der Meister schuf ein wunderbares intarsiertes Stück Handwerk, welches mit applizierten floralen Mustern verziert ist. Weiters schmücken, mit dem Orden vom Goldenen Vlies umrankte Wappen, die Türen des Schreins.

 

In die Mitteltür ist eine Nische eingebaut, die mit einem Elfenbeinkruzifix ausgestattet ist, welches wahrscheinlich von Gabriel Grupello 1695 am Düsseldorfer Hof gefertigt wurde, und nachträglich hier verwendet wurde.

 

Der Schrank hat die Ausmaße von 243×149 cm, wurde aus Nussbaum und anderen Hölzern hergestellt, und trägt die lateinische Aufschrift „Claves Tumbarum Domus Augustae“. Seinen Abschluss nach oben findet die Handarbeit in der österreichischen Kaiserkrone.

 

Liebe Leute, manche Menschen werden den Schrank als Ausdruck der Selbstverherrlichung oder Geldverschwendung sehen, andere wieder als Ahnentradition einer der bedeutendsten Herrscherfamilien Europas, welche die Zukunft unseres Kontinents mitbestimmt hat. Ganz gleich wie man darüber denkt, eines ist dieses Kleinod zweifellos: Eine der vielen künstlerischen Facetten aus mehr als 600 Jahren österreichischer Geschichte.
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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