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Nur ein Stück Holz

Nur ein Stück Holz

       Allegorie der Vergänglichkeit

oder Vanitas Gruppe

Vor ungefähr 550 Jahren besorgte sich ein Bildhauer,  ein etwa 40 cm großes, trockenes Stück Lindenholz um eine Figurengruppe zu schnitzen.

Wir haben heute die Auswahl zwischen zwei Künstlern die das damals gemacht haben könnten:

Jörg Syrlin der Ältere (um 1425-1491), oder Michel Erhart (1440/45- nach 1512).

Erhart kam nach seinen Wanderjahren, durch Deutschland und vermutlich die Niederlande, schließlich in die freie Reichsstadt Ulm, wo er anfangs in der Werkstatt Syrlins tätig war, bevor er eine eigene Werkstatt gründete.

Das bedeutendste Werk von beiden Künstlern war die Schnitzarbeit am Chorgestühl des Ulmer Münsters. Alle zwei werden auch der, heute sogenannten, „Ulmer Schule“ zugerechnet, aus der 55 Maler und 25 Bildhauer namentlich bekannt sind.

Biographisches über die beiden gibt es so gut wie nichts, weil Deutschland  sich noch im Spätmittelalter befand und es somit den Begriff des Künstlers noch nicht gab. Man galt damals als Handwerker.

Gleichwohl, einer der beiden nahm dieses Stück Lindenholz und verfertigte daraus eine Skulptur, deren Qualität so hoch eingeschätzt wird, dass sie  in eine Einzel-Vitrine der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien zugeordnet bekam:

 

Diese aus einem einzigen Stück Holz gefertigte  Personen-Gruppe aus 3 Figuren wird heute „Allegorie der Vergänglichkeit“ oder „Vanitas-Gruppe“ benannt. Dargestellt wird die Vergänglichkeit der Schönheit und der Jugend.

Je eine Drittel der Skulptur nehmen ein junger Mann, eine junge Frau und eine alte Frau, Rücken an Rücken stehend, ein.

Meisterlich die Schönheit der jungen Gesichter und im Vergleich dazu die Haar- und Zahnlosigkeit der Alten mit ihren großen Augen, die schon so viel gesehen haben. Auch der hoffnungsvolle und unschuldige Gesichtsausdruck der Jugendlichen und das gelebte Leben in der Mimik der Greisin.

 

Auch der Verfall unserer Körper wird, durch den Vergleich miteinander, schonungslos dargestellt. Trotz rosa/weißer bis gelblicher Farbe des Lindenholzes wurde die ganze Skulptur in Haut-Tönung bemalt. Die blaue Äderung des verbrauchten Körpers der Frau  weist, im Gegensatz zur Haut der Jugend, sehr eindringlich auf das Thema „Vanitas“ hin.

 

Und dieser Kontrast der Lebensalter setzt sich bis zu den Füßen  am Sockel der Gruppe- dieser in Gestaltung eines felsigen grünen Erdbodens- fort.

 

Für die etwas problematische Zone der Skulptur, wo die Rücken der Figuren aneinander stoßen, fand der Meister ebenfalls eine geniale Lösung – er füllte sie mit den Haaren der Gestalten.

 

Solche Vanitas-Symbole oder „Memento Mori“ waren und sind bis heute ein beliebter Kunstgriff, der alle Kunst-Genres überlagert, und uns unserer Vergänglichkeit gemahnen soll.

 

Es ist bis heute nicht geklärt, ob die Gruppe als eigenständige Skulptur geplant, oder in einem größeren Kontext, zum Beispiel einem Uhrengehäuse, integriert war.

Liebe Leute, es ist bloß ein Stück Holz, aber es hat, vor über einem halben Jahrtausend, jemand verstanden, Schnitt für Schnitt, uns dorthin zu führen, dass uns dieses Stück Lindenholz innehalten und über die Wichtigkeit unseres Tun und Schaffens nachdenken lässt. Das ist eine künstlerisch wie auch philosophisch äußerst beeindruckende Leistung, findet,

Euer Kultur Jack!

Copyright des Beitrags-Fotos: Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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