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B(r)uchstücke der Literatur L – Gedanken zum Leben

B(r)uchstücke der Literatur L – Gedanken zum Leben

Auch wenn Waggerl als Heimatdichter bekannt ist, viele seiner Schriften beinhalten Gedankenspiele zu unserer Existenz.

Selbstporträt, Foto: © Kurt Kaindl

„Es ist nun so still geworden, zuweilen wird mir bang in dieser Stille. Dann schaue ich um mich, überblicke gleichsam mein Leben wie von einer Anhöhe herab, die ich langsam und in langer Zeit erstieg und auf der ich jetzt eine Weile verhalten darf, ehe ich mich gegen Abend wenden muss, um in den Schatten hinunter zu wandern. Ich verfolge die Trittspur meines Daseins hinter mir, und es rührt mich sehr, dass ich einen so wunderlichen und mühsamen Weg gegangen bin, während ich doch meinte, immer geradeaus zu eilen, immer aufwärts. Aber der Berg, den ich mir von fernher als Ziel versprach, war kein hoher, glänzender Gipfel, nur ein Hügel zuletzt, zwischen anderen.
Freilich, die Gefährten meiner Wanderschaft trieben es nicht besser, die klügeren überholten mich, die dümmeren blieben zurück, und so verlor ich die meisten ganz aus den Augen in der weglosen Wildnis. Vielleicht liegt ja der Unterschied zwischen den Leuten überhaupt nur darin, dass die Törichten immer wieder dieselben Dummheiten machen, die Gescheiten immer wieder neue.“
Die Pfingstreise, Erzählungen, Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)

Oscar Wilde zählte zu den bekanntesten Dandys seiner Zeit, und war für seine Schlagfertigkeit und Eloquenz bekannt. Seine letzten Lebensjahre waren jedoch von Zuchthaus und Krankheit dominiert, was ihn seelisch gebrochen hat.

Foto: © Library of Congress

„Praktische Naturen, für die das Leben eine schlaue Spekulation ist, die von der sorgfältigen Berechnung aller Mittel und Wege abhängt, wissen immer, wohin sie gehen, und dahin gehen sie auch. Sie gehen aus von dem Wunsch, Kirchendiener zu werden, und einerlei, mit welchen Lebensspähren sie in Berührung kommen, sie werden wirklich Kirchendiener und sonst nichts. Wer danach trachtet etwas zu werden, was nichts mit seiner Persönlichkeit zu tun hat, Parlamentsmitglied oder erfolgreicher Gemischtwarenhändler oder ein bekannter Rechtsanwalt oder Richter oder sonst etwas Langweiliges, wird unweigerlich dieses Ziel erreichen. Das ist seine Strafe. Wer eine Maske haben will, muss sie auch tragen.
Ganz anders verhält es sich mit den dynamischen Lebenskräften und mit den Menschen, in denen diese dynamischen Kräfte lebendig sind. Wer einzig nach Selbstverwirklichung strebt, weiß nie, wohin er geht. Er kann es nicht wissen. In einem bestimmten Sinn des Wortes ist es natürlich nötig, dass man, wie das griechische Orakel sagt, sich selbst erkennt. Darin besteht die erste Stufe des Wissens. Und die letzte Stufe der Weisheit ist die Erkenntnis, dass die Menschenseele unerforschlich ist. Das letzte Geheimnis sind wir selbst. Wir mögen das Gewicht der Sonne bestimmen, die Bahn des Mondes messen und die sieben Himmel Stern für Stern auf Karten verzeichnen, dann bleiben immer noch wir selbst. Wer kann den Lauf der eigenen Seele berechnen?“
De Profundis, Oscar Wilde (1854-1900)

Gedanken zum Leben sind meist untrennbar mit dem Entschwinden der Zeit verbunden.

Foto: © Harvard Theater Collection

„Ich will das nicht weiter erörtern; die Zeit schwindet zu schnell: jeder Buchstabe, den ich hinschreibe, sagt mir, mit welcher Schnelligkeit das Leben meiner Feder folgt; seine Tage und Stunden, kostbarer – liebe Jenny – als die Rubine um deinen Hals, fliegen über unsere Köpfe dahin wie leichte Wolken an einem windigen Tag, um nie wiederzukehren; alles drängt weiter – während du diese Locke eindrehst – sieh nur! Ergraut sie schon; und jedes Mal, da ich dir die Hand küsse, um mich zu verabschieden, und jede Abwesenheit, die darauffolgt, sind Vorspiele von der ewigen Trennung, die wir binnen kurzem vollziehen müssen.“
Granit und Regenbogen, Virginia Woolf (1882-1941)

 

Gedanken über die Welt und unser Leben darin können sehr vielschichtig sein, und sind immer individuell.

Foto: © Sonja Noskowiak

„Ein Mensch, der Geheimnisse oder Geschichten erzählt, muss bedenken, wer sie hören oder lesen wird, denn eine Geschichte hat so viele Lesarten, wie sie Leser hat. Jeder entnimmt ihnen was er braucht oder begreift, und verändert sie so nach seinem eigenen Maßstab. Es gibt Leute, die picken einzelne Teile heraus und lassen den Rest fallen, andere zwängen die Geschichte durch das Netzwerk ihrer Vorurteile, wieder andere verleihen ihnen die Farben ihres eigenen Entzückens. Eine Erzählung muss Berührungspunkte mit dem Leser haben, damit er sich darin zu Hause fühlt. Nur dann nimmt er Wunder auf. Die Geschichte, die ich Allen erzähle, muss anders gebaut sein als die gleiche Geschichte, wenn ich sie meiner Mary erzähle, und wieder anders gestaltet, um für Marullo zu passen, wenn er sie anhört.
Ich bin der Ansicht, wir alle, oder doch der größte Teil von uns, sind Mündel jener Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts, das allem die Existenz absprach, was sich nicht messen oder erklären ließ. Das, was sich von uns nicht erklären ließ, existierte ruhig weiter, wenn auch ohne unseren Segen. Wir sahen nicht, was wir nicht erklären konnten, und so wurde inzwischen ein großer Teil der Welt Kindern und Unmündigen, Schwachsinnigen, Narren und Mystikern überlassen, die sich mehr für das, was ist, interessierten als dafür, warum es ist. So viele alte, schöne Dinge sind in den Rumpelkammern der Welt verstaut, weil wir sie nicht um uns haben wollen, und uns nicht trauen, sie fortzuwerfen.“
Geld bringt Geld, John Steinbeck (1902-1968)

Gedanken über unsere Existenz, führen jeden Menschen zwangsläufig auch zum Ende der ihm gegebenen Zeit.

Foto: © Nancy Crampton

„Wie klein und zerbrechlich sein Schädel jetzt aussah. Und dennoch barg er neunzig Jahre Vergangenheit. Was für eine Menge Stoff dort drinnen gelagert war. Unter anderem all die Toten, ihre Taten und Untaten, und all die unbeantworteten Fragen, all diese Dinge, deren man sich niemals sicher sein kann… und all das floss für ihn zu einer anspruchsvollen Aufgabe zusammen: gerecht zu urteilen, seine Geschichte, ohne allzu viele Fehler zu erzählen.
Wenn es dem Ende zugeht, läuft die Zeit, das wissen wir, immer schneller. Aber Murray ging schon so lange dem Ende zu, dass ich, wenn er so sprach wie jetzt, geduldig, präzise, mit einer gewissen Verbindlichkeit – mit nur sporadischen Pausen für einen genüsslichen Schluck Martini – , den Eindruck hatte, die Zeit sei für ihn aufgehoben, für ihn laufe sie weder schnell noch langsam, er lebe überhaupt nicht mehr in der Zeit, sondern nur noch in seiner Haut. Als sei dieses aktive, umtriebige, kontaktfreudige Leben als gewissenhafter Lehrer und Bürger und Familienvater nichts als ein langwieriges Ringen um einen Zustand der Leidenschaftslosigkeit gewesen. Altern und hinfällig werden war nicht unerträglich, auch nicht die Unergründlichkeit des Vergessenwerdens und die Tatsache, dass am Ende alles zu nichts wird. Das alles war erträglich gewesen, sogar die unnachgiebige Verachtung des Verächtlichen.
In Murray Ringold hat die menschliche Unzufriedenheit, dachte ich, ihren Meister gefunden. Er hat die Unzufriedenheit überdauert. Das also bleibt, wenn man alles hinter sich gelassen hat: die disziplinierte Trauer des Stoizismus. Die Abkühlung. So lange ist alles im Leben so heiß, so intensiv, dann wird es allmählich schwächer, dann kommt die Abkühlung und dann kommt die Asche. Der Mann, der mich gelehrt hat, wie man mit Büchern boxt, ist wieder da und führt mir vor, wie man mit dem Alter boxt.
Und das ist eine erstaunliche, eine edle Kunst; denn nichts lehrt einen weniger über das Alter, als wenn man ein unverwüstliches Leben geführt hat.“
Mein Mann der Kommunist, Philip Roth (1933-2018)

Man kann Betrachtungen über das Sein auch von Philosophen, Psychologen oder dem Nachbarn konsumieren, jedoch nur der Dichter und Schriftsteller präsentiert sie uns in der Form, die auch unser Herz erwärmt.
Euer, Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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