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Adalbert Stifter

Adalbert Stifter

Adalbert Stifters Erzählung „Granit“ beginnt so:
„Vor meinem väterlichen Geburtshause dicht neben der Eingangstür in dasselbe liegt ein großer achteckiger Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh ausgehauen, seine obere Fläche aber ist von dem vielen Sitzen so fein und glatt geworden, als wäre sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden sei. Die urältesten Greise unseres Hauses waren auf dem Stein gesessen, so wie jene, welche in zarter Jugend hinweggestorben waren, und nebst all den anderen in dem Kirchhofe schlummern. Das Alter beweist auch der Umstand, dass die Sandsteinplatten, welche dem Steine zur Unterlage dienten, schon ganz ausgetreten, und dort, wo sie unter die Dachtraufe hinaus ragen, mit tiefen Löchern von den herabfallenden Tropfen versehen sind.
Eines der jüngsten Mitglieder unseres Hauses, welche auf dem Steine gesessen waren, war in meiner Knabenzeit ich. Ich saß gerne auf dem Steine, weil man wenigsten dazumal eine große Umsicht von demselben hatte. Jetzt ist sie etwas verbaut worden. Ich saß gerne im ersten  Frühling dort, wenn die milder werdenden Sonnenstrahlen die erste Wärme an der Wand des Hauses erzeugten. Ich sah auf die geackerten aber noch nicht bebauten Felder hinaus, ich sah dort manchmal ein Glas wie einen weißen feurigen Funken schimmern und glänzen, oder ich sah einen Geier vorüber fliegen, oder ich sah auf den fernen bläulichen Wald, der mit seinen Zacken an dem Himmel dahin geht, an dem die Gewitter und Wolkenbrüche hinab ziehen, und der so hoch ist, dass ich meinte, wenn man auf den höchsten Baum desselben hinauf stiege, müsste man den Himmel angreifen können. Zu anderen Zeiten sah ich auf der Straße, die nahe an dem Hause vorübergeht, bald einen Erntewagen bald eine Herde bald einen Hausierer vorüberziehen.
Im Sommer saß gerne am Abend auch der Großvater auf dem Steine, und rauchte sein Pfeifchen, und manchmal, wenn ich schon lange schlief, oder in den beginnenden Schlummer nur noch gebrochen die Töne hinein hörte, saßen auch teils auf dem Steine, teils auf dem daneben befindlichen Holzbänkchen oder auf der Lage von Baubrettern junge Burschen und Mädchen, und sangen anmutige Lieder in die finstere Nacht.“

Liebe Leute, da ich von Stifter das Meiste, und es auch noch gerne gelesen habe, besuchte ich vor 2 Jahren sein Geburtshaus.

Es steht in der Kleinstadt „Horni Planá“, nahe dem Böhmerwald, im heutigen Tschechien. Zu Stifters Zeit gehörte der Ort noch zu Oberösterreich und hieß „Oberplan“.  Das Haus beherbergt heute ein kleines Museum über den Schriftsteller, welches Mobiliar und einige persönliche Gegenstände von ihm zur Schau stellt. Am besten charakterisiert man es als klein und fein für einen Liebhaber seines Schaffens. Jedoch gibt es dort einen Gegenstand der mich wirklich berührt hat, er liegt aber außerhalb des Hauses und manche werden jetzt schon richtig vermuten welcher es ist:

© Kultur Jack

Der achteckige Stein neben der Haustür über den Stifter schreibt! Ungefähr um das Jahr 1810, hat er, in von ihm beschriebener Weise, auf diesem, einen Teil seiner Kindheit verbracht haben. Für mich war der Stein der, mit Abstand, persönlichste Gegenstand des Museums, denn da ich mich natürlich auch darauf setzte, spannte das einen Bogen von seiner Kindheit im beginnenden Biedermeier bis zu mir ins 21. Jahrhundert Trotz der heute veränderten Aussicht ( ein nicht unbedingt schönes Haus mit einem Geschäftslokal) war es sehr verbindend und berührend dort zu sitzen, da ich , von ihm selbst, wusste, dass er es gerne und oft getan hat. Das Haus ist ungefähr um 1600 erbaut worden und der erste urkundliche Besitzer war ein Matthias Stifter; also wie viele Mitglieder und Generationen seiner Familie müssen dort gesessen sein! Und wenn ihn, hoffentlich, niemand wegnimmt, wird er dort noch in ein paar hundert Jahren liegen!

Ok, liebe Leute, mancher wird sagen: „Wer liest denn heute noch Stifter?“ Ich gebe zu, dass die Protagonisten seiner Erzählungen und Romane meist ernst und etwas steif wirken, aber das ist nicht  seiner Erzählkunst geschuldet sondern eher seinem Zeitalter. Weiters gebe ich auch zu, dass in seinen Geschichten, aus heutiger Sicht, nicht wirklich viel passiert, aber das Wenige und Langsame wird vor uns so wortgewaltig ausgebreitet, dass die Handlung nebensächlich wird.

Qualität bleibt, vor allem immateriell, immer Qualität; es ändert sich nur unsere Sichtweise auf das Dargebotene. Stifter feilte und schliff an seinen Sätzen bis sie wie der Koh-I-Noor der Königin von Großbritannien vor ihm lagen. Man muss im Wort sehr verankert sein, um einen Himmel so zu beschreiben:

Die dichten, hängenden, grauen Massen, aus welchen nur zuzeiten weiße, wässerige, schimmernde Stellen leuchteten und die die geschlungenen, furchtbaren Blitze jenes Himmelstriches brachten, wurden nach und nach höher, trennten sich, dass einzelne Ballen am Himmel standen, die sich dunkler und blauer färbten, weiße, schimmernde Ränder hatten und den klaren Äther und die scheinende Sonne in immer längeren Zeiträumen herabblicken ließen – endlich war schon über dem Trümmerwerk und der Wüste ganz heiterer Himmel, nur dass am Rande draußen noch durch einige Wochen aus Dunkelblau und Weiß gemischte Ballen und Massen zogen, aus denen Blitze leuchteten; bis auch diese allgemach aufhörten und der beginnende und nun fortdauernde reine Himmel und die reine Sonne leer und gefegt über dem funkelnden Geschmeide des regendurchnässten Landes stand.
Abdias ( 1842)

Also, liebe Leute, willkommen im Biedermeier, ich hoffe Ihr findet Freude hier; vielleicht mit Stifters Vorrede zu seinen Erzählungen? :

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, dass ich nur das Kleine bilde, und dass meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes an zu bieten, nämlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte gepredigt werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind. Wenn etwas Edles und Gutes in mir ist, so wird es von selber in meinen Schriften liegen; wenn aber das selbe nicht in meinem Gemüte ist, so werde ich mich vergeblich bemühen, Hohes und Schönes darzustellen, es wird doch immer das Niedrige und Unedle durchscheinen. Großes oder Kleines zu bilden, hatte ich bei meinen Schriften überhaupt nie im Sinne, ich wurde von ganz anderen Gesetzen geleitet. Die Kunst ist mir ein so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Ort gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so dass ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu halten. Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes; falsche Propheten aber gibt es sehr viele. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so können sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Gleichgestimmten Freunden eine vergnügte Stunde zu machen, ihnen allen bekannten wie unbekannten einen Gruß zu schicken, und ein Körnlein Gutes zu dem Bau des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften, und wird auch die Absicht bleiben. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich mit Gewissheit wüsste, dass ich nur diese Absicht erreicht hätte.
                                                                          Adalbert Stifter ( 1805 – 1868)
Bis bald, liebe Leute, Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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