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B(r)uchstücke der Literatur LIII – Der poetische Blick in die Natur

B(r)uchstücke der Literatur LIII – Der poetische Blick in die Natur

Die atemberaubende Schönheit der Natur berührt vermutlich jeden Menschen, und ließ auch das Werk der Schreibenden nicht unberührt. Die Zugänge dazu waren sehr differenziert und entlockte den Poeten ihre schönsten Bilder.

Foto: © Harvard Theater Collection

„Denn obgleich die Wolken von gebirgigem Weiß waren, so dass man sich vorstellen konnte, mit einem Beil harte Splitter abzuhacken, mit weiten, goldenen Hängen, Wiesen himmlischer Lustgärten an ihren Flanken, und den Eindruck fester, für die Beratung der Götter über der Welt errichteter Wohnstätten hatte, war doch eine ständige Bewegung unter ihnen. Zeichen wurden ausgetauscht, wenn, wie um einen schon verabredeten Plan auszuführen, bald ein Gipfel zusammensank, bald ein ganzer Block in Pyramidengröße, der seine Lage unveränderlich behauptet hatte, in die Mitte vordrang oder die Prozession würdevoll zu einem neuen Ankerplatz leitete. Obgleich sie an ihren Standort gebunden schienen, in vollkommener Einmütigkeit verweilend, konnte nichts frischer, freier, äußerlich empfindungsfähiger sein als diese schneeweiße oder goldglühende Oberfläche; zu wechseln, zu gehen, die feierliche Versammlung abzubrechen, war unverzüglich möglich; und trotz der ernsten Robustheit, der versammelten Kraft und Festigkeit, warfen sie jetzt Licht auf die Erde, jetzt Dunkel.“

Mrs. Dalloway, Virginia Woolf (1882-1941)

Die Bronté-Schwestern verbrachten ihre kurzen Leben, hauptsächlich umgeben von Moor und Heide, und wurden aufmerksame Beobachterinnen der natürlichen Schönheit.

Foto: ©someonedbyfells

„Die Sonne erhob sich mit fröhlichem Juligesicht, der Morgen schmückte sie mit Rubinen und streute ihr Rosen in den Schoß, so viele, dass sie ihr entglitten und dicht wie ein Regenschauer auf ihren Weg fielen. Jugendfrisch wie Nymphen erwachten die Stunden und gossen den Tau aus ihren Krügen über die Hügel aus. Kein Dunstmantel verhüllte sie, schattenlos, lichtblau und strahlend schritten sie dahin und führten die Rosse des Sonnenwagens auf einer flammenden, wolkenfreien Bahn empor.“

Vilette, Charlotte Bronté (1816-1855)

 

Dickens umfasst den Eindruck eines Morgens in einem einzigen Satz.

Foto: © Public Domain Pictures

„Es war ein Morgen, wie sie im ersten Frühjahr häufig vorkommen, wenn das Jahr, wankelmütig und veränderlich in seiner Jugend wie alles Lebendige, sich nicht entscheiden kann, ob es einen Schritt rückwärts in den Winter oder vorwärts tun soll, und in seiner Unschlüssigkeit bald dem einen, bald dem anderen, manchmal auch beiden zugleich zugeneigt, indem es in der Sonne den Sommer umwirbt, sich aber im Schatten noch nicht vom Winter zu trennen vermag – kurzum, es war an einem solchen Morgen, an dem es im Verlauf einer kurzen Stunde kalt und warm, nass und trocken, hell und trübe, heiter und düster, frisch und bedrückend war, als der alte John Willet, der über seinem Kupferkessel eingenickt war, durch das Getrappel von Pferdehufen geweckt wurde, aus dem Fenster schaute und einen recht verheißungsvoll aussehenden Reisenden erblickte, der den Zügel vor der Tür des „Maibaums“ anzog.“

Barnaby Rudge, Charles Dickens (1812-1870)

Das Zeitalter des Biedermeier war auch eine Zeit der Kontemplation.

„Dort stehen die Tanne und Fichten, es stehen die Erlen und Ahorne, die Buchen und andere Bäume wie die Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter, der Blumen der Beeren und Moose steht unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen herab, und rauschen, und murmeln, und erzählen, was sie immer erzählt haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes Glas, und vereinigen sich zu Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen, oben singen die Vögel, es leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen nieder, und wenn es Nacht wird, scheint der Mond auf alles, dass es wie ein genetztes Tuch aus silbernen Fäden ist.“

Granit, Adalbert Stifter (1805-1868)

Der Vergleich einer Hecke mit einer gotischen Kirche.

Foto: © Musee de Orsay

„Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weißdornhecken. Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte, und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen, feine glitzernde Rippen im spätgotischen Stil wie die, die in der Kirche das Gitter der Empore durchzogen oder dir Kreuze der Buntglasfenster, die aber hier die weiße sinnliche Fülle von Erdbeerblüten hatten. Wieviel naiver und bäuerlicher wirkten im Vergleich dazu die Heckenrosen, die in wenigen Wochen im vollen Sonnenschein den gleichen ländlichen Weg erklimmen würden, mit der glatten Seide ihres rötlichen Mieders bekleidet, das der leiseste Hauch zerflattern macht.“

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, In Swanns Welt, Marcel Proust (1871-1922)

Ein Stück Wiese kann ein ganzes Universum sein.

Foto: © Kurt Kaindl

„Im Wiesengrund, wo die Ahornbäume stehen, die langschäftigen Eschen und das grüne Gewölk der Haselstauden, da ist mein Schiff vor Anker gegangen. Auch ich war in der Welt, aber das ist lang vorbei, meine Fahnen flattern nicht mehr in fremden Winden, die farbigen Wimpel der Jugend. Und dennoch ist mir die Welt nicht kleiner geworden, nein, ich lobe meine Wiese. Sie ist groß und unabsehbar geräumig, wenn ich bäuchlings in ihr liege, und den ganzen hohen Himmel habe ich über mir. Ich sehe Halme vor meinen Augen, die haarigen Schäfte des Günsels, das fadendünne Gespinst der Miere auf dem Moos, und ich kann mir gut denken, wie weitläufig und abenteuerlich das Leben in diesem Wald der Gräser sein mag. Käfer sind unterwegs und mühen sich ab, ganz winzige und auch große in prunkvollen Panzern. Ich kenne sie alle, weil ich nicht weiß, wie sie heißen und weil ich darum ihren Namen nicht verwechseln kann. Sie haben es schwer genug, besonders die großen. Immer einmal rollen sie unversehens auf den Rücken und dann müssen sie wohl ein Jahr ihres Käferlebens daranwenden, wieder auf die Beine zu kommen. Andere sind so winzig klein, dass es gar nicht auszudenken ist, wie denn auch sie ihre sechs Beine mit drei mal sechs Gliederchen haben können. Aber sie sind sich selber groß genug. Ein Dutzend Mal klettert so ein Käfertier an einem Halm in den Sommerwind hinauf, ein paarmal hat es die mütterliche Sonne am Himmel gesehen und ist darüber sehr alt und sehr weise geworden. Zuletzt schwirrt es noch ein Stück über die glockenblaue Wiese, es faltet seine Flügel wieder sorgfältig zusammen und dann stirbt es, das Käferchen.

Nun gibt es aber noch diese Halme selbst, diese vielerlei prächtigen, von der zärtlichen Luft bewegten Gräser. Wenn ich die Augen hebe, sehe ich hoch über mir ihre glänzenden Häupter im weißblauen Himmel schwanken. Auch sie sind der Wissenschaft bekannt, es gibt ihrer unzählige sagt man, tausend Arten vielleicht, oder noch viel mehr. Aber diesen Halm vor mir, dieses feine zitternde Gebilde, den kennt die Wissenschaft nicht. Der ist in der Heimlichkeit geworden, im Frühjahr kam er jung aus der trächtigen Erde, seine krausen Blätter sind ihm zugewachsen, kein anderer Halm in der Welt hat so schön gekräuselte Blätter wie er. Ich habe ihn entdeckt. Einen Namen muss er nicht haben, aber ich möchte wohl einmal seine schimmernde Rispe in die Hand nehmen.

Es ist wunderbar still um den Mittag, und ich höre dennoch die hundertfältigen Geräusche des Lebens um mich her, das Knistern und Schwirren im Gras und auch das Rauschen des Blutes in meinem Leibe.

Die Wiese nimmt mich immer auf, die Erde zieht mich an sich, die gute, braune Erde. Gestern lag ich hier und sah die Knospe einer Flockenblume, aber es kam der Abend, ehe sie aufbrach. Heute blüht sie, und blüht, obwohl indessen vielerlei geschah, was mir das Herz schwer macht.

Das ist ein Trost für mich. Versteht ihr, so einfältig wird ein Mensch, der in einer Wiese gestrandet ist. Wenn diese Flockenblume jetzt blühen kann, sage ich mir, muss es dann nicht eine geheime Quelle geben, die ihr und mein Leben speist? Ich bin so wahr in mir selbst wie sie, aber ich irre, weil ich die Wahrheit suchen will. Die Wahrheit muss man sein.

Ich will da nicht länger müßig liegen, aber was kann ich tun? Es ist mir nicht leicht gemacht. Ich könnte wohl etwas aufschreiben, diese paar friedlichen Zeilen, für euch, meine Freunde. Es ist ja nichts Großartiges, ihr lächelt darüber, oder ihr ärgert euch daran – Gras, ach Gott, Kräuter und Käfer! Aber was ist nun eigentlich wichtig in der Welt? Mein Grashalm wächst und trägt Frucht und stirbt ab, im anderen Jahr wird da wieder ein Halm wachsen und verblühen, ungesehen, es weiß niemand darum. Und doch hat sein Dasein so gut Platz und Sinn im Ganzen wie meines.

Vor Gott, Freunde, sind wir alle einerlei Gras. Es sei denn, dass er die schönen Halme liebte und die kümmerlichen verwürfe, wie geschrieben steht…“

Lob der Wiese, Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)

 

Es ist eine Herausforderung und verlangt großes Können, einen Blick in die Natur dem Leser derart darzustellen, dass er den Augenblick zu verspüren vermeint.

Euer Kultur Jack!

Beitragsbild: Pixabay

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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