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B(r)uchstücke der Literatur XLVI – Liebe

B(r)uchstücke der Literatur XLVI – Liebe

Wahrscheinlich gibt kein Spektrum der Liebe, das in der Literatur noch unbehandelt geblieben ist. So etwa, wenn man sich Glück für jemand anderen wünscht.

Foto: © artsandculture.google.com

„Nichts jedoch in mir war da, dass etwa an die mir widerfahrene Kränkung zurückgedacht hätte, Nastjenka! Nichts, das vielleicht mit einer dunklen Wolke dein klares und sorgenloses Glück getrübt oder mit bitteren Vorwürfen Kummer über dein Herz gebracht hätte, indem es dich veranlasst hätte, dich insgeheim in Reue zu verzehren, oder das in den Augenblicken der Seligkeit als ein Pulsschlag des Schmerzes durch dein Herz gezogen wäre; denn nicht verspürte ich den Wunsch in mir, auch nur eine jener zarten Blumen zu knicken, die du in deine schwarzen Locken flochtest, als du neben ihm zum Altare schrittest… Oh, niemals, niemals! Klar sei dein Himmel, licht und sorgenlos dein liebes Lächeln und gesegnet seiest du für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du dem anderen, einsamen und dankbaren Herzen gegeben hast!
Mein Gott! Ein voller Augenblick der Seligkeit! Ist das etwa zu wenig für ein ganzes Menschenleben…?“
Die weißen Nächte, Fedor M. Dostojewski (1821-1881)

Emily Bronte schuf mit „Sturmhöhe“, wohl eine der bedingungslosesten Liebesgeschichten der Weltliteratur.

Foto: © abm.enterprises.net

„Ich kann es nicht recht ausdrücken, aber gewiss hast du wie jedermann die Vorstellung, dass es außerhalb unserer selbst noch ein Dasein gibt oder geben sollte. Wozu wäre ich denn erschaffen worden, wenn ich völlig auf dieses irdische Leben beschränkt wäre? Meine größten Nöte in dieser Welt sind auch Heathcliffs Nöte gewesen, und ich habe von Anfang an jedes Leid, das ihm widerfahren ist, gesehen und mitgefühlt. Mein größter Gedanke im Leben ist er. Mag alles andere zugrunde gehen, wenn er nur bliebe, würde ich weiter bestehen; wenn aber alles bliebe, und er würde vernichtet, das ganze Universum erschiene mir vollkommen fremd. Ich würde nicht mehr dazugehören. Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub der Wälder. Sie unterliegt dem Wandel der Zeit, das weiß ich sehr wohl, so wie der Winter die Bäume verwandelt, doch meine Liebe zu Heathcliff gleicht dem ewigen Felsen darunter – sie ist ein Quell kaum wahrnehmbarer Freuden, aber ohne sie kann ich nicht sein. Nelly, ich bin Heathcliff – er liegt mir immer und immerfort im Sinn – nicht als ein Vergnügen, so wenig, wie ich mir selber stets ein Vergnügen bin – sondern als mein wahres Sein – darum sprich nie wieder von unserer Trennung, sie ist etwas völlig Undenkbares.“
Sturmhöhe, Emiliy Bronte (1818-1848)

Als Poet und Schriftsteller kam Dickens mit jeder Situation zurecht und fand für Schönheit, Natur, Hass, Gedanken und Liebe meist intensive Worte.

Foto: © Heritage Auction Gallery

„In einer Woche werden Sie nicht mehr an mich denken!“
„Nicht mehr an sie denken? Sie sind ein Teil meines Seins. Sie sprachen aus jeder Zeile, die ich gelesen habe, seit ich zum ersten Mal hierherkam, als ungeschlachter gewöhnlicher Junge, dessen armes Herz Sie schon damals verwundeten. Sie waren in jedem Landschaftsbild, das ich sah – auf dem Fluss, auf den Segeln der Schiffe, auf den Marschen, in den Wolken, im Licht, im Dunkel, im Wind, in den Wäldern, auf der See, in den Straßen. Sie waren die Verkörperung aller Anmut, mit der ich bekannt geworden bin. Die Steine, aus denen die stärksten Gebäude Londons gebaut sind, sind nicht wirklicher und unverrückbarer, als es Ihre Gegenwart und Ihr Einfluss hier und überall gewesen sind und sein werden. Estella, bis zur letzten Stunde meines Lebens werden Sie ein Teil meines Wesens bleiben, ein Teil des bisschen Guten in mir, ein Teil des Bösen. Aber jetzt, da wir Abschied nehmen, verknüpfe ich Sie nur mit dem Guten, und ihm werde ich Sie auch immer treulich beizählen, denn Sie haben mir viel mehr Gutes als Böses getan, mag ich auch jetzt noch so herben Kummer verspüren! Gott segne Sie! Gott verzeihe Ihnen!“
Große Erwartungen, Charles Dickens (1812-1870)

Russische Autoren liebten die Emotion.

Foto: © Library of Congress

„Die erste Person, die ihm begegnete, war Mademoiselle Linon. Sie ging durch den Saal und ihre Löckchen und ihr Gesicht strahlten. Kaum hatte er ein paar Worte mit ihr gesprochen, da raschelte hinter der Tür ein Kleid und Mademoiselle Linon verschwand aus Lewins Blicken, und ein freudiger Schreck über sein nahes Glück überkam ihn. Mademoiselle Linon hatte es plötzlich sehr eilig, ließ ihn stehen und ging zur anderen Tür. Kaum war sie draußen, da hörte er eilige, leichte Schritte auf dem Parkett und sein Glück, sein Leben, sein wahres Selbst, sein besseres Ich, das, was er so lange gesucht und ersehnt hatte, kam schnell, ganz schnell auf ihn zu. Sie ging nicht, sondern wurde ihm von einer unsichtbaren Kraft entgegengetragen.
Er sah nur ihre klaren, ehrlichen Augen und darin ein leises Erschrecken über die Liebesfreude, die auch sein Herz erfüllte. Diese leuchtenden Augen kamen immer näher und näher und blendeten ihn mit ihrem Liebesglanz. Sie blieb dicht vor ihm stehen und berührte ihn. Ihre Hände hoben sich und legten sich auf seine Schultern.“
Anna Karenina, Leo Tolstoi (1828-1910)

Unerfüllte Liebe, aus der Feder von Marcel Proust.

„Sie können es nicht, Sie werden mich vergessen; aber wenn… nach einem Jahr, oder vielleicht schon früher, ein trauriges Buch, ein Regenabend Sie an mich erinnert, welche Wohltat würde sie mir damit erweisen. Ich werde Sie nie, nie mehr wiedersehen können… nur in meiner Seele und dann müssen wir in der gleichen Minute aneinander denken. Ich werde immer an Sie denken, damit die Tore meiner Seele Ihnen immer offenstehen, wenn Sie eintreten wollen. Aber wird die Erwartete lange auf sich warten lassen? Die Blumen auf meinem Grabe werden im Novemberregen verfault sein, und der Juni wird sie verbrannt haben, und noch immer wird meine Seele vor Ungeduld weinen. Ach, ich hoffe, dass eines Tage der Anblick eines Erinnerungszeichen oder die Wiederkehr eines Jahrestages oder der natürliche Fluss Ihrer Gedanken Ihr Gedächtnis in die Nähe meiner Zärtlichkeit leiten wird. Dann wird es sein, als hätte ich Sie gehört, erblickt, eine Zauberhand wird rings Blumen streuen, um Sie zu empfangen. Denken Sie an den Toten. Aber ach! Wie kann ich hoffen, dass der Tod und Ihr Ernst das fertig bringen, was das Leben mit seinen Gluten, was unsere Tränen und unsere guten Einfälle, was unsere Lippen nicht vermocht haben.“
Der Tod des Baldassar Sylvandre, Marcel Proust (1871-1922)

Foto: © enlenguapropia.files.wordpress.com

Irgendwann in seinem Leben begegnet jeder Mensch dem Phänomen „Liebe“. So hat es auch jeder Poet zu einem seiner Themen gemacht und damit die Herzen seiner romantisch empfindsamen Leserschaft berührt. Vielleicht auch das Eure?
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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