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B(r)uchstücke IX

B(r)uchstücke IX

Liebe Leute, wie wunderbar ist es doch dass unsere Vorfahren die Schrift und somit auch Bücher erfunden haben. So konnten Dichter ihre wundervolle Poesie oder die Kraft der Worte, die ihnen innewohnte, zu Papier bringen und noch heute, aus längst vergangenen Tagen zu uns sprechen. Es ist schon etwas Sonderbares, dass eine Person, die nicht einmal den Funken einer Ahnung von meiner zukünftigen Existenz hatte, aus einem Jahrhunderte zurückliegenden Zeitkreis, die Macht hat durch seine aneinandergereihten, geschriebenen Worte, mich hier in digitalen Zeitalter zu rühren oder zu entzücken. Sehr seltsam!
Nun gut, lassen wir die Toten sprechen:

Salingers „Fänger im Roggen“ ist schon eine recht schräge Geschichte und es wundert nicht dass sie in einigen Ländern verboten war, denn in der Originalausgabe von 1951 kommt 44 Mal das Wort „fuck“ vor. Sein Humor ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack; meiner schon.

Wenn ich nachts fahre, kann ich sogar meistens die blöden Magazingeschichten lesen, ohne dass mir das Kotzen kommt. Wenn sie wissen, was ich meine. Eine von diesen Geschichten, in denen massenhaft kitschige Kerle mit markigem Kinn vorkommen, die David heißen, und massenhaft kitschige Mädel, die Linda oder Marcia heißen und diesen verdammten Davids dauernd die Pfeifen anzünden.

Ich hielt die beiden Hässlichen für Schwestern, aber über diese Frage waren sie empört. Offenbar wollte keine von beiden der anderen ähnlich sehen, und das war sehr begreiflich, aber doch komisch.
Ich tanzte nacheinander mit jeder von ihnen. Laverne, die Hässliche Numero eins, tanzte nicht übel, aber Marty war gemeingefährlich. Bei Marty hatte man das Gefühl, dass man die Freiheitsstatue herumschleppte.
Der Fänger im Roggen ( J.D. Salinger 1919-2010)

Foto: ©: Arturo Espinosa

 

Bei der Unmenge an Filmen die man schon sah oder noch sehen kann, wird heute kaum ein Besucher das Kino mit diesen Gedanken verlassen.

Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge wegzuckte, im Saale das Licht aufging und das Feld der Visionen als leere Tafel vor der Menge stand, so konnte es nicht einmal Beifall geben. Niemand war da, dem man durch Applaus hätte danke, den man für seine Kunstleistung hätte hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zerstoben; nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gesehen, Millionen Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr Handeln aufnehmend zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch blinzeldem Ablauf, dem Elemente der Zeit zurückzugeben. Das Schweigen der Menge nach der Illusion hatte etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen ohnmächtig vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor sich hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, um wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in frische Zeit verpflanzt und aufgefrischt mit Musik, sich wieder begeben zu sehen.
Der Zauberberg  (Thomas Mann 1875-1955)

Foto: ©: Deutsches Bundesarchiv

 

Immer wieder fanden die Schreibenden berührende Worte, wenn es um das Thema ging, dass jedem Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes, am Herzen liegt: die Liebe.

Jenes Gefühl einer überströmenden, hinnehmenden Seligkeit wehte mir wie eine duftende, sommerwarme Welle zu, als wir in einem der alten Säle des Prager Clementinums, darin unsere deutsche Universität untergebracht war, das mittelalterliche Epos von der Minne zweier Kinder in pedantischer, streng philologischer Art untersuchen mussten und dabei den Vers lasen: der Knabe Blanscheflur fror jetzt, und dann flammte er wie brennend Stroh, als Flore ihn zum ersten Mal berührte. – Flore, Blume, so heißt das Mädchen in dem trautrunkenen Gedicht einer Kinderliebe und er heißt weiße Blüte, Blanscheflur.
So blühten wir damals, so froren und brannten wir zwei, als wir Hand in Hand zwischen Feldern in die glückliche Einsamkeit der Liebenden hineinschritten, hatten wie Flore und Blanscheflur den Blumen in die Augen gesehen und der Sprache der Vögel gelauscht, waren selbst zwei Blüten, die sich zueinander neigten, und unsere Herzen waren singende Vögel.
Eine Kindheit in Böhmen  (Josef Mühlberger 1903-1985)

Es ist interessant, wie unterschiedlich es klingt, wenn zwei Poeten in wenigen Sätzen dasselbe Thema behandeln: den Lebensweg.

Es ging ihnen schlecht, den Menschen. Das Schicksal bereiteten sie sich selbst und glaubten, es käme von Gott. Sie waren gefangen in Überlieferungen, ihr Herz hing an tausend Fäden, und ihre Hände spannen sich selbst diese Fäden. Auf allen Wegen ihres Lebens standen die Verbotstafeln ihres Gottes, ihrer Polizei, ihrer Könige, ihres Standes. Hier durften sie nicht weitergehen und dort nicht bleiben. Und nachdem sie so ein paar Jahrzehnte gezappelt, geirrt hatten und ratlos gewesen, starben sie im Bett und hinterließen ihr Elend ihren Nachkommen.
Hotel Savoy  (Joseph Roth 1894-1939)

„Sie dauern nicht, das Weinen und das Lachen,
Liebe und Sehnsucht und Hass:
Ich glaube nicht, dass sie dauern
Gehen wir durchs große Tor, weiter fürbass,

Sie dauern nicht, die Tage des Weins und der Rosen:
Aus einem Nebelraum
Entsteigt unser Weg eine Weile, verschwindet
Wieder im Traum.“
(Ernest Christopher Dowson 1867-1900)

Foto: ©: The Poems of Ernest Dowson (London: John Lane 1905)

 

Liebe Leute, von den  24 Stunden des Tages –  eine zum Lesen, wünscht Euch,
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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