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B(r)uchstücke XXIX – Selbstbetrachtungen

B(r)uchstücke XXIX – Selbstbetrachtungen

Der Blick in sich selbst

Schreibt ein Schriftsteller einen Roman, kann er bedenkenlos aus dem Topf seiner Fantasie schöpfen und seinen Protagonisten auch die irrwitzigsten Entscheidungen und deren Folgen zumuten. Er, der Schreibende selbst, bleibt jedoch immer in allen Handlungen unsichtbar und für den Leser nicht greifbar, so als hätte er, mit der Sache, nichts zu tun.

Ganz anders ist es aber, wenn der Poet, unmissverständlich, seine eigene Meinung oder Erfahrung in sein Buch einbringt. Es gehört Mut und Größe dazu, denn er lässt damit die ganze Welt in sein Herz blicken und machst sich angreifbar. Dann schauen wir mal, wie sie es meistern!

Henry Miller hatte nie ein Problem damit, vor seinen damals oft konservativen Zeitgenossen, sein Weltbild zu vertreten. Deshalb waren seine Bücher auch lange Zeit in Amerika verboten.

Foto: © George Leite

„Die Wunder und Geheimnisse des Lebens – wie werden sie in uns abgedrosselt, wenn wir verantwortliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden sind! Bis wir in die Arbeit hinausgestoßen wurden, war die Welt für uns sehr klein, und wir lebten an ihrem Rande, am Rande des Unbekannten. Ein kleines Griechenland, und dennoch geräumig genug, jede Art von Vielfalt, jede Art von Abenteuern und geistigen Wagnissen zu enthalten. Gar nicht einmal so klein, denn es hielt unbegrenzte Möglichkeiten bereit. Ich habe nichts durch die Erweiterung meiner Welt gewonnen, im Gegenteil, ich habe verloren. Ich möchte immer kindlicher werden und über die Kindheit hinaus zurückgelangen. Ich möchte gegen den Strom normaler Entwicklung schwimmen, in einen vorkindlichen Daseinsbereich gelangen, der zwar verrückt und chaotisch sein wird, aber nicht so verrückt und chaotisch wie die Welt, die mich umgibt. Ich bin ein Erwachsener, bin Vater und ein verantwortliches Mitglied der Gesellschaft gewesen. Ich habe mein tägliches Brot verdient. Ich habe mich einer Welt angepasst, die nie meine war. Ich will diese erweiterte Welt durchbrechen und wieder an der Grenze einer unbekannten Welt stehen, die diese fahle, einseitige Welt in den Schatten stellt. Ich will über die Verantwortung der Vaterschaft hinauskommen zu der Verantwortungslosigkeit des anarchischen Menschen, der weder gezwungen noch beschwatzt, noch verführt, noch bestochen, noch irregemacht werden kann. Ich will mir Oberon, den Nachtreiter, zum Führer nehmen, der unter seinen ausgebreiteten schwarzen Schwingen Schönheit und Schrecken der Vergangenheit auslöscht. Ich möchte einer ewigen Morgenröte mit einer Schnelligkeit und Entschlossenheit entgegenfliehen, die keinen Raum mehr lässt für Rückblick, Schwanken oder Reue. Ich möchte den erfinderischen Menschen überholen, der ein Fluch für die Erde ist, um wieder vor einer unüberschreitbaren Tiefe zu stehen, die mir auch die stärksten Schwingen nicht zu überfliegen erlauben. Sogar wenn ich mich in einen nur von müßigen Träumern bewohnten Natur- und Wildpark verwandeln muss, darf ich nicht hier bei der geordneten Einfältigkeit des verantwortlichen Lebens der Erwachsenen stehenbleiben. Ich muss das tun in Erinnerung an ein Leben, das sich in nichts mit dem vergleichen lässt, das mir verheißen war, in Erinnerung an das Leben eines Kindes, das mit dem gegenseitigen Einverständnis derjenigen, die sich ergeben hatten, erdrosselt und erstickt wurde. Alles was Väter und Mütter schufen will ich ablehnen. Ich kehre zurück in eine noch kleinere als die alte hellenische Welt, zurück in eine Welt, die ich jederzeit mit ausgestreckten Armen berühren kann, die Welt dessen, was ich von einem Augenblick zum anderen weiß, sehe und erkenne. Jede andere Welt ist für mich bedeutungslos, mir fremd und feindlich. Wenn ich noch einmal die erste strahlende Welt, die ich als Kind kannte, durchwandere, so will ich mich nicht dort aufhalten, sondern mich durchkämpfen, noch weiter zurück zu einer, noch heller strahlenden, Welt, aus der ich gekommen sein muss. Wie diese Welt aussieht, das weiß ich nicht; auch bin ich nicht sicher, dass ich sie finden werde, aber sie ist meine Welt, und nichts anderes reizt mich.“

Wendekreis des Steinbocks, Henry Miller (1891-1980)

 

In Karl Heinrich Waggerls Bücher bekommt man den Eindruck, als habe er der Beobachtung der Welt höchsten Stellenwert eingeräumt.

Foto: © Karl Heinrich Waggerl, Selbstporträt

„Es lässt sich nicht gut sagen, wie merkwürdig es ist, dass so vieles gleichzeitig geschieht. Dass in diesem Augenblick hunderttausend Schreie zum Himmel aufsteigen, Schreie der Lust, der Klage, Schreie des letzten und des ersten Atemzuges. In dieser Minute kniet ein Hirt in der Wüste auf seinem Teppich und verneigt sich neunmal vor seinem Gott. Anderswo steht jemand vor einer Tür und denkt an Mord, es ist ein Mensch mit einem blonden Bart und einer grünen Halsbinde, genau so. Städte liegen jetzt strahlend in der Sonne, aber im Norden, im Eis kämpfen Menschen und ein Rudel Hunde um das Leben, dort ist Kälte und erbarmungslose Nacht. Und das alles geschieht wirklich und wahrhaftig jetzt, bedenkt das einen Augenblick, und dabei ist doch jeder Mensch allein, seine Not und seine Freude ist das Wichtigste in der Welt. Diese Welt ist unermesslich groß, wir aber halten unsere Grenzen für die ihren. Wir sind so wahr in uns selbst wie ein Baum, wie ein Kornhalm, allein nun wollen wir die Wahrheit wissen, darin liegt das Übel. Denn wir sollen die Wahrheit nicht suchen, wir sollen sie sein. Der Mensch ist ein zertrümmerter Spiegel, aus den Scherben wieder notdürftig zusammengeflickt, und darum verwirrt sich alles in ihm.“

Schweres Blut, Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)

 

In Stifters Erzählungen wird man vergeblich  Adrenalin erzeugende Wendungen suchen. Die Schönheit seines Werkes liegt darin, die ruhige Welt des Biedermeiers und ihn selbst mit seine Augen zu sehen und seinen ausgesucht schönen Worten zu lauschen.

„Aber eigentlich mag es weder ein Fatum geben, als letzte Unvernunft des Seins, noch auch wird das einzelne auf uns gesendet; sondern eine heitere Blumenkette hängt durch die Unendlichkeit des Alls und sendet ihren Schimmer in die Herzen – die Kette der Ursachen und Wirkungen – und in das Haupt des Menschen ward die schönste dieser  Blumen geworfen, die Vernunft, das Auge der Seele, die Kette daran anzuknüpfen, und an ihr Blume an Blume, Glied um Glied hinabzuzählen bis zuletzt zu jener Hand, in der das Ende ruht.

Abdias, Adalbert Stifter (1805-1868)

Der Sarstein bei Alt-Aussee, Gemälde von Adalbert Stifter, Foto: © Zeno.org 20004312333

 

 

Der Parade – Dandy des 19.Jahrhunderts, Oscar Wilde, wurde, wegen Homosexualität, zu 2 Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Während seiner Haft, schrieb er den Brief „De Profundis“ mit über 50.000 Wörtern. Diese Schrift ist ein sehr leidvolles Beispiel für den Blick in seine eigene Seele.

Foto: © Pixabay

„Das Leiden ist ein einziger langer Augenblick. Wir können ihn nicht in Jahreszeiten aufteilen. Wir können nur seine Phasen festhalten und deren Wiederkehr verzeichnen. Die Zeit selbst schreitet für uns nicht fort. Sie rotiert. Sie scheint um die Achse des Schmerzes zu kreisen. Die lähmende Starrheit eines Lebens, das bis ins kleinste nach einer festen Schablone geregelt ist, so daß wir nach dem unbeugsamen Gesetz einer eisernen Formel essen und trinken und gehen und uns hinlegen und beten oder doch zum Gebet niederknien: diese Unbeweglichkeit, die jeden grauenvollen Tag bis ins kleinste Detail seinem Bruder gleichen läßt, scheint sich jenen äußeren Kräften mitzuteilen, die nur aus dem ständigen Wechsel leben können. Wir wissen nichts von Saatzeit und Ernte, vom Schnitter, der sich über das Korn neigt, noch vom Winzer, der sich durch den Weinberg müht, vom Gras unter den Bäumen, das weiß ist von abgefallenen Blüten oder bestreut mit reifen Früchten – wir können nichts davon wissen. Für uns gibt es hier nur eine Jahreszeit, die Jahreszeit des Grams. Selbst Sonne und Mond scheinen uns verwehrt. Draußen mag der Tag blau sein und golden, das Licht, das durch das trübe Glas des Gitterfensterchens zu uns herunterkriecht, ist grau und karg. In der Zelle herrscht immer Dämmerung, in unseren Herzen Mitternacht.“

De Profundis, Oscar Wilde (1854-1900)

 

Bei Selbstbetrachtungen spielt in sehr vielen Fällen die Familie eine große Rolle.

„Der Tod des Vaters, der uns gegenüber ein verschlossener Mann gewesen war, obwohl er allgemein als heiter und zu Späßen aufgelegt galt, hat mir die vorher unbeachteten Dinge in seiner Mappe wertvoll gemacht, wie eben mit dem Tode eines Menschen von einer Stunde zur anderen dessen innere und äußere Dinge aus dem Schatten des Lebens in eine neues Licht treten.“

Eine Kindheit in Böhmen, Josef Mühlberger (1903-1985)

 

Jeder Mensch hält von Zeit zu Zeit inne und stellt Reflexionen zum eigenen Verhalten, seinen Gedanken und zum eigenen Leben generell an. Schriftsteller machen das natürlich genauso, doch manche lassen die ganze Welt daran teilhaben, und, je nach Leser, davon profitieren.

Liebe Leute, Euch Grund zum Nachdenken und Lust und Freude am Lesen gegeben zu haben, hofft, Euer,

Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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