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B(r)uchstücke der Literatur XLII-Großbritannien schreibt

B(r)uchstücke der Literatur XLII-Großbritannien schreibt

Wenn Charles Dickens über Armut und soziale Missstände schrieb, war es meist autobiographisch, denn bereits im Alter von 12 Jahren arbeitete er in einer Fabrik die Schuhcreme erzeugte.

„Ein so armer Kontorist, obwohl er ein kleines Gehalt und eine große Familie hatte, dass er noch nie das bescheidene Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte, einmal einen vollständigen neuen Anzug samt Hut und Stiefel gleichzeitig zu tragen. Sein schwarzer Hut war stets braun, ehe er sich einen Rock anschaffen konnte, seine Beinkleider waren an Nähten und Knien weiß, ehe er Stiefel kaufen konnte, die Stiefel waren abgetragen, ehe er sich neue Beinkleider leisten konnte, und wenn er wieder bei dem Hut angelangt war, überdachte dieser glänzende, moderne Gegenstand eine altertümliche Ruine aus verschiedenen Zeitaltern.“
Unser gemeinsamer Freund, Charles Dickens (1812-1870)

Foto: © Heritage Auctions Gallery

 

Welch imposante Beschreibung einer Deckenbeleuchtung!
„Vom Deckengewölbe hing ein flammendes Gebilde herab, ein Gebilde, das mich blendete – mir schien es Bergkristall zu sein, funkelnd aus abertausenden Facetten, in Tropfen quellend, sternenhell, prächtig gefärbt vom Tau geschmolzener Edelsteine oder von Bruchstücken zertrümmerter Regenbogen.“
Villette, Charlotte Bronte (1816-1855)

Foto: © British Library

 

Bei manchen Menschen kann das Reden ähnliche Form annehmen.

Foto: © Life Magazine

„Sie beugte sich vor, gezielt, sozusagen, wie ein Gewehr, und feuerte ihre Worte ab. Peng! Die Ladung in ihrer Seele war entzündet, die Worte sausten aus dem engen Lauf ihres Mundes hervor. Sie war ein Maschinengewehr, das die Gastgeberin mit Mitgefühl durchlöcherte. Mr. Hutton hatte ähnliche Beschießungen mitgemacht, die meist literarischer oder philosophischer Art gewesen waren – Beschie0ungen mit Maeterlinck, mit Mrs. Besant, mit Bregson, mit Tagore. Heute waren die Geschosse einmal medizinischer Art. Sie sprach über Schlaflosigkeit, sie verbreitete sich über die Vorzüge harmloser Schlafmittel und wohltuender Spezialitäten. Unter diesem Trommelfeuer entfaltete sich Mrs, Hutton wie eine Blume in der Sonne.“
Das Lächeln der Gioconda, Aldous Huxley (1894-1963)

Da unsere Sonne Grundlage alles Lebens ist, haben die meisten Schriftsteller versucht, sie auch in Worte zu fassen. Wenige haben dabei diese Poesie erreicht.

Foto: © Frederic Taber Cooper

„Ganz weit in der Ferne erklangen die ersten Kuhglocken und über den dunklen Höhen erblickten wir die schmale, untergehende Mondsichel, die den weißen Hörnern irgend eines andächtigen Tieres glich, das dort oben wachte und des Lichtgotts harrte. Und dieser Gott kam langsam gewandelt und schritt hoch über unseren Häuptern von Gipfel zu Gipfel; dann plötzlich sah man seine flammende Gestalt in einer Öffnung der Talmauern stehen. Die Bäume warfen sich vor ihm zu Boden und Weihrauchfässer von Nadelharz hoben in den dunklen Kirchenschiffen zu schwingen an und strömten ihren duftenden Dampf aus. In all diesen seligen Schluchten, wo kein menschliches Wesen haust, zeigt er sich nackt und ohne Scham in seiner honigblassen Farbe; um sein goldenes Haar ist ein Leuchte, wie man es sonst nirgendwo erblickt; seine Augen gleichen flammendem alten Wein. Und seine Hand ist bereits über die unsichtbaren Saiten gestrichen, denn die Musik sich entfaltender Blätter und flatternder Wesen hat begonnen.“

Höhenwild, John Galsworthy (1867-1933)

So mancher Mensch fragt sich, ob, wenn er diesen oder jenen Tag anders gestaltet hätte, sein Leben ein besseres oder schlechteres geworden wäre. Sie werden es nie wissen.

Foto: © babel. hathitrust.org

„So begann die Sache. Hätte sie die Bedeutung dieses Zusammentreffens erfasst, so hätte sie wohl fragen können, warum sie verurteilt war, an diesem Tage von dem falschen Manne gesehen, beachtet und begehrt zu werden und nicht von einem gewissen anderen, der in jeder Hinsicht der echte und richtige war – soweit menschliche Beziehungen echt und richtig sein können; doch für ihn war sie zu dieser Zeit nichts weiter als ein flüchtiger, halb vergessener Eindruck.
In der unvernünftigen Vollstreckung der vernünftigen Weitenpläne lockt der Ruf selten den Gerufenen herbei, und selten ist der liebenswerte Mann zur Stelle, wenn die Stunde der Liebe schlägt. Die Natur sagt nicht oft in jenem Augenblick „Schau!“ zu ihren armen Geschöpfen, da das Schauen zu glücklichen Taten führen kann; und nicht oft erhält der Schrei eines Menschen: “Wo?“ von ihr zur Antwort: „Hier!“, bis schließlich das Versteckspielen ein ermüdender, abgebrauchter Zeitvertreib wird. Wir könnten uns fragen, ob auf dem Gipfel und Höhepunkt des menschlichen Fortschritts diese Anachronismen durch eine schärfere Erkenntnis berichtigt sein werden, durch eine engere Wechselwirkung innerhalb der sozialen Maschinerie, als die, die uns heute vorwärts und im Kreise stößt; doch eine solche Vervollkommnung lässt sich nicht prophezeien, und nicht einmal ihre Möglichkeit ist vorstellbar. Genug, dass in dem vorliegenden Fall, wie in Millionen anderen Fällen, die beiden Hälften eines annähernd vollkommenen Ganzen sich nicht im vollkommen richtigen Augenblick gegenüberstanden; die beiden zusammengehörigen Wesen, gleichsam Stück und Gegenstück, schweiften unabhängig voneinander eine Weile lang töricht und sinnlos auf der Erde umher, bis die späte Stunde kam. Diesem verwünschten Aufschub entsprangen Kümmernisse, Enttäuschungen, Erschütterungen, Katastrophen – das, was man ein seltsames Geschick nannte.“
Tess von d´Urbervilles, Thomas Hardy (1840-1928)

Im Jahre 1895 wurde Oscar Wilde, auf Grund seiner Homosexualität, zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Diese beiden Jahre ruinierten seine psychische und physische Gesundheit – er starb ein Jahr nach seiner Freilassung.

Foto: © William Andrews Clark Library

„Ich lehnte mich mit aller Hartnäckigkeit meines Willens und der großen Spontaneität meines Herzens gegen alles auf, bis mir nichts mehr auf der Welt geblieben war – außer Cyril. Ich hatte meinen Namen verloren, mein Ansehen, mein Glück, meine Freiheit, mein Vermögen. Ich war gefangen und bettelarm. Doch ein Gut war mir noch geblieben, mein ältester Sohn. Plötzlich nahm das Gesetz ihn mir weg. Der Schlag war so betäubend, dass ich mir keinen Rat wusste, und so warf ich mich auf die Knie und neigte den Kopf und weinte und sprach:“ Der Leib eines Kindes ist dem Leib des Herrn gleich; ich bin beider unwürdig.“ Dieser Augenblick muss meine Rettung gewesen sein. Damals erkannte ich, dass mir nur noch eines blieb: alles hinzunehmen. Seitdem – so sonderbar das für dich klingen mag – bin ich glücklicher.
Denn ich war bis zum innersten Wesen meiner Seele vorgestoßen. Ich war in so vielem ihr Feind gewesen, und doch erwartete sie mich wie einen Freund. Die Berührung mit der eigenen Seele macht den Menschen einfältig wie ein Kind, was er nach Christi Worten sein soll. Es ist tragisch wie viele Menschen bis zu ihrem Tode nie „ihre Seele besaßen“. „Nichts ist so selten beim Menschen“, sagt Emerson, „wie eine eigene Handlung“: Das stimmt. Die meisten Leute sind andere Leute. Ihr Leben ist eine Kopie, ihre Gedanken sind die Meinungen anderer, ihre Leidenschaften Zitate. Christus war nicht nur der größte Individualist der Geschichte, er war auch der erste.“
De Profundis – Ein Brief aus dem Zuchthaus zu Reading, Oscar Wilde (1854-1900)

Den wundervollen Schlusssatz dieses Beitrags über britische Literatur, lassen wir Virginia Woolf sprechen.
„Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn hat einmal diese Seuche, die Lesesucht, sich im Organismus festgesetzt, schwächt sie ihn so, dass er eine leichte Beute dieser anderen Plage wird, die im Tintenfass sitzt und im Federkiel schwärt.“
Orlando, Virginia Woolf (1882-1941)

Foto: © Harvard University Library

Euer, Kultur Jack!

 

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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