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B(r)uchstücke IV

B(r)uchstücke IV

Durch ihr Buch „Wuthering Heights“ ist Emily, wahrscheinlich, die berühmteste der Bronté-Schwestern. Es ist auf jeden Fall ein wunderbarer Roman, aber noch lieber habe ich die Werke ihrer Schwester Charlotte gelesen.  Sie spinnt sehr feinsinnige Gedanken, wie etwa diese am Bett eines Kindes:

Wunderliches Kind, dachte ich, während ich ihr schlafendes Antlitz im unsteten Mondlicht betrachtete und behutsam und leise ihre glitzernden Augenlider und die nassen Wangen mit meinem Taschentuch abtupfte. Wie wird sie durch die Welt kommen und sich mit dem Leben herumschlagen? Und wie Zusammenstöße, Erschütterungen und Zurückweisungen, Demütigungen und Betrübnisse ertragen? In den Büchern steht, sie warten auf jeden einzelnen von uns – und das dürfte wohl stimmen.

                                                                          Villette ( Charlotte Bronté 1816-1855)

Wer kennt nicht das Gefühl, wenn die südliche Sonne mittags vom Himmel glüht. Treffend in zwei Sätzen zusammengefasst:

Die Sonne hieb hier unten schon die Luft in Scherben. Die Scherben reiben sich auf ihren Armen, am Hals und an den Knöcheln.

                    Verbrennung einer spanischen Witwe ( Hans-Christian Kirsch 1934-2006)

Hier das Gegenteil zu vorhin, ein beschatteter Weg:

Es war gut ,unter den Baumschatten zu gehen, unter diesem weichen, grünen Blätterdunkel, zwischen den Ästen und Stämmen das verschwommene Muster von Lichtflecken und Schatten, Wechselwirkungen, das luftige Gewebe, das nie stillstand, es löste sich auf, verdampfte, spielte ineinander und war ein neues Muster von Schatten und Licht, in der Luft tanzten Fliegen, Mücken.

                                         Die Bootsfahrt ( Rolf Dieter Brinkmann 1940-1975)

Nicht ohne Grund zählt Ingeborg Bachmann zu den Diamanten der österreichischen Literatur, deshalb erübrigt sich auch jeder Kommentar:

Wenn Ivan auch gewiss für mich erschaffen worden ist, so kann ich doch nie allein Anspruch auf ihn erheben. Denn er ist gekommen, um die Konsonanten wieder fest und fasslich zu machen, um die Vokale wieder zu öffnen, damit sie voll tönen, um mir die Worte wieder über die Lippen kommen zu lassen, um die ersten zerstörten Zusammenhänge wieder herzustellen und die Probleme zu erlösen, und so werde ich kein Jota von ihm abweichen, ich werde unsere identischen, hellklingenden Anfangsbuchstaben, mit denen wir unsere kleinen Zettel unterzeichnen, aufeinanderstimmen, übereinanderschreiben, und nach der Vereinigung unserer Namen können wir vorsichtig anfangen, mit den ersten Worten dieser Welt wieder die Ehre zu erweisen, damit sie wünschen muss, sich wieder die Ehre zu geben, und da wir die Auferstehung wollen und nicht die Zerstörung, hüten wir uns, einander schon öffentlich mit den Händen zu berühren, und auch nur heimlich fassen wir einander ins Aug, denn mit seinen Blicken muss Ivan erst die Bilder aus meinen Augen waschen, die vor seinem Kommen auf meine Netzhaut gefallen sind, und nach vielen Reinigungen taucht dann doch wieder ein finsteres, furchtbares Bild auf, beinah nicht zu löschen, und Ivan schiebt mir dann rasch ein lichtes darüber, damit kein böser Blick von mir ausgeht, damit ich diesen entsetzlichen Blick verliere, von dem ich weiß, wieso ich ihn bekommen habe, aber ich erinnre mich nicht, erinnre mich nicht…
(Noch kannst du es nicht, noch immer nicht, vieles stört dich…)
Aber weil Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.

                                                              Malina ( Ingeborg Bachmann 1926-1973)

Es hat sich bis jetzt nicht ergeben, dass ich viel von Goethe gelesen habe, aber diese paar Zeilen könnten schon Lust auf mehr machen:

Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand! Und wenn´s nichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, so macht´s doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken.

            Die Leiden des jungen Werthers ( Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

Dass man einen Dandy und Schöngeist wie Oscar Wilde, um das Jahr 1900, in einer Gerichtsverhandlung wegen Homosexualität verurteilt, war, zeitbedingt, zu erwarten. Es gibt ja heute noch eine Menge Zeitgenossen die dazu applaudieren würden. Ihn aber, auf dem Weg ins Zuchthaus, auf dem Bahnsteig, in Sträflingskleidung und Handschellen, eine halbe Stunde ausharren zu lassen, ist für einen Menschen entwürdigend und für die Gesellschaft beschämend:

Zuerst sang sie von dem Werden der Liebe in dem Herzen eines Knaben und eines Mädchens. Und an der Spitze des Rosenstrauchs erblühte eine herrliche Rose, Blatt reihte sich an Blatt wie Lied an Lied. Erst war sie bleich wie der Nebel, der über dem Fluss hängt, bleich wie die Füße des Morgens und silbern wie die Flügel des Dämmers. Wie das Schattenbild einer Rose in einem Silberspiegel, wie das Schattenbild einer Rose im Teiche, so war die Rose, die aufblühte an der Spitze des Rosenstocks.

                                     Die Nachtigall und die Rose ( Oscar Wilde 1854-1900)

Vor wenigen Tagen wurde im Fernsehen (in einem Krimi!) ein Gedicht Rilkes rezitiert, und es erinnerte mich daran, dass wir es vor Jahrzehnten in der Schule gelesen haben. Noch dazu ist es eine wunderbare Metapher auf den Herbst des Lebens:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

  Herbsttag ( Rainer Maria Rilke 1875-1926)

 

Wenn ich jetzt einen Blick aus dem Fenster werfe, ist dieses Gedicht der passende Schluss für heute, findet
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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