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B(r)uchstücke XXX – Der Zauber der Welt

B(r)uchstücke XXX – Der Zauber der Welt

B(r)uchstücke XXX – Der Zauber der Welt

Auch der trübste Pessimist muss das Zugeständnis machen, dass der Anblick und auch die atmosphärischen Stimmungen unserer Erde zeitweise atemberaubend sein können. Die Literaten aller Jahrhunderte bemühten sich, uns dafür ihre schönsten Wort- und Satzfindungen zu hinterlassen. Vor allem bei Büchern, wo immer unser geistiges Auge gefordert ist, bewahrheitet sich der berühmte Satz des „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“!

 

 


Der Himmel ist von tiefem Schwarzblau, besprenkelt mit dem gestirnten, glitzernden Strom der Milchstraße und mit schimmernden Sonnen, Welten und Monden, größeren und kleineren, ausgestreut wie Samenkörner. Auch das Meer ist tief schwarzblau, grün gerippt, und da, wo es sich teilt, mit silbriger Gischt und gekräuselten, luftigen Schaumkronen besetzt. Und in ihm wimmelt es von phosphoreszierenden Kleinstlebewesen, den Medusen mit ihren zahllosen Härchen, die gewissermaßen das Gegenbild zur reichen Sternsuppe bilden.
Die Verwandlung des Schmetterlings, Antonia S. Byatt (geb.1936)

 

Die breite Glastür und die hohen Fenster waren mit Eisblumen bedeckt; hier und da glitzerte kristallhelles Sternenlicht durch den mattweißen Winterschleier und streute Brillanten über seine blasse Stickerei.
Villette, Charlotte Bronte (1816-1855)

1855, Foto: © Ellen Nussey

 

1858, Foto: © Herbert Watkins

So froh begann ein herzerfrischender Frühwintertag, einer von denen, die die erschlaffenden Sommertage- so nennt man sie, wenn man sie nicht hat- zuschanden machen und den Frühling beschämen, weil sie bisweilen nur halb so kalt sind. Die Schafglöckchen klangen so klar durch die kräftige Luft, als fühlten sie deren wohltuenden Einfluss wie lebende Wesen; die Bäume ließen statt der Blätter oder Blüten funkelnden Reif niederfallen, der unserem Tom wie Diamantenstaub vorkam. Von den Schornsteinen stieg der Rauch hoch, hoch in die Luft, als hätte die Erde vor lauter Schönheit ihre Schwere verloren und brauche sich nicht mehr durch dumpfe Dünste bedrücken zu lassen. Die Eiskruste auf dem sonst plätschernden Bach war so dünn und durchsichtig, dass er aussah, als hätten die lebhaften Wellen aus freien Stücken halt gemacht – Toms froher Geist deutete es so -, um den lieblichen Morgen zu betrachten. Und damit die Sonne nicht zu früh diesen Zauber unterbreche, bewegte sich zwischen ihr und der Erde ein Nebel, ähnlich dem, der in Sommernächten auf den Mond lauert – für Tom war es ganz derselbe – und so gern sachte von ihm zerstreut werden möchte.
Martin Chuzzlewit, Charles Dickens (1812-1870)

 

Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldenen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. – Da begrüßten Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.
Die Elixiere des Teufels, E.T.A.Hoffmann (1776-1822)

Selbstporträt, Foto: © Wikimedia Commons

 

Foto: © saaz.info

Die dichten, hängenden, grauen Massen, aus welchen nur zuzeiten weiße, wässerige, schimmernde Stellen leuchteten und die die geschlungenen, furchtbaren Blitze jenes Himmelstriches brachten, wurden nach und nach höher, trennten sich, dass einzelne Ballen am Himmel standen, die sich dunkler und blauer färbten, weiße, schimmernde Ränder hatten und den klaren Äther und die scheinende Sonne in immer längeren Zeiträumen herabblicken ließen – endlich war schon über dem Trümmerwerk und der Wüste ganz heiterer Himmel, nur dass am Rande draußen noch durch einige Wolken aus Dunkelblau und Weiß gemischte Ballen und Massen zogen, aus denen Blitze leuchteten; bis auch diese allgemach aufhörten und der beginnende und nun fortdauernde reine Himmel und die reine Sonne leer und gefegt über dem funkelnden Geschmeide des regendurchnässten Landes stand.
Abdias, Adalbert Stifter (1805-1868)

 

Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage – und was geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes Starren. Welch langer Zeit des lachenden Grüns, welch lange Zeit des ernsten Erwartens und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!
Erdsegen, Peter Rosegger (1843-1918)

Foto: © Dillinger´s Illustrierte Reisezeitung

 

 

Foto: © The world´s work 1909

Es war Hochsommer, die Zeit des Jahres, wo man die Getreideernte schon ungefähr abschätzen kann, wo die Sorgen um die Aussaat für das nächste Jahr beginnen und die Heuernte kommt, wo der graugrüne Roggen schon ganz in Ähren steht und mit seinen leichten, noch nicht prallen Ähren im Wind wogt, wo der grüne Sommerhafer mit den gelben Grasbüscheln dazwischen ungleichmäßig emporwächst, wo der frühe Buchweizen schon blüht und die Erde verdeckt, wo die vom Vieh steinhart gestampften Brachfelder mit den schmalen Streifen, in die der Hakenpflug nicht eindringen kann, schon zur Hälfte umgepflügt sind, wo der schon etwas trocken gewordene Dünger auf den Feldern bei Sonnenuntergang seinen Geruch in den Duft des Wiesenklees mischt, wo in den Niederungen die sorgsam gehegten Wiesen mit den schwärzlichen Haufen von ausgejätetem Sauerampfer wie ein weites Meer daliegen und die Sense erwarten.
Anna Karenina, Leo Tolstoi (1828-1910)

 

In dieser Sekunde blähte sich das Goldlicht der Abendsonne auf und zerplatzte in hunderttausend blendende Splitter und Sprengstücke.
Die 40 Tage des Musa Dagh, Franz Werfel (1890-1945)

Foto: © Carl van Vechten

 

Man sagt:“ Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, jedoch die Schönheit der Welt können wir, wenn wir wollen, alle sehen, meint
Euer Kultur Jack!

Copyright Beitragsbild: Pixabay

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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