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Das Bestiarium des Aloys Zötl

Das Bestiarium des Aloys Zötl

Menschen, die mit Herz und Seele einem künstlerischen Streben verhaftet sind, haben selten die Freiheit der Wahl, sich der Muse hinzugeben oder die Finger davon zu lassen – ihr Schaffen wird nicht ein Teil, sondern das Zentrum ihres Lebens. Jedoch bei allen Künstlern unterschiedlich, sind ihre Biografien und diese können für den Außenstehenden sehr interessant sein, denn mancher ist sofort erfolgreich, der andere führt den Kampf ums Dasein ein Leben lang. Zwischen diesen beiden extremen Polen ist aber noch jede Menge Platz für staunenswerte Verläufe des Lebens und so einen bietet die Zentralfigur unseres heutigen Beitrags: ALOYS ZÖTL (1803-1887).

 

Details aus dem Leben des, 1803 in Freistadt, Oberösterreich, geborenen Zötl sind so gut wie unbekannt, denn er kam zeitlebens kaum über die Grenzen dieses Bundeslandes hinaus. Nach seiner Heirat mit Theresia Edtmeir, ließ sich das Paar in Eferding, Oberösterreich nieder und dort übte Aloys seinen Beruf als Färbermeister aus. In seiner Freizeit ging Aloys Zötl seiner großen Leidenschaft, der Malerei, nach.

 

Ab 1831 begann der Hobby-Künstler den Zyklus, der die Kunstwelt, Jahrzehnte später, in Erstaunen versetzte: DAS BESTIARIUM. Dabei handelt es sich um Tieraquarelle, welche er in seiner Freizeit schuf und diese penibel datierte. So entstanden, bis zu seinem Tod 1887, vierhundert Blätter, die in vier Alben gebunden wurden. Zötl verfolgte einen enzyklopädischen Aufbau, da er chronologisch von Säugetieren ausgehend, über Fische, Vögel, Reptilien bis zu den Insekten seine Abbildungen schuf.

 

Der Künstler fand seine Modelle, da er seinen Heimatort nicht verließ, in Büchern und Reisebeschreibungen. Zu seinen liebsten Büchern gehörten die „Metamorphosen“ des Ovid und die „Naturgeschichte“ des französischen Naturforschers Georges-Louis Leclerc de Buffon. Seine kleine Bibliothek wurde durch einem Nachfahren erhalten, und darin fanden sich Großteils ethnografische und naturgeschichtliche Werke, die überwiegend reich illustriert waren. Zötl malte alles nach Abbild, auch Tiere, die in seiner unmittelbaren Umgebung heimisch waren.

 

Neun Abbildungen von Menschen scheinen in seinem eigenen Werkverzeichnis auf, die jedoch heute verschollen sind. Zötl arbeitete nur aus Leidenschaft und Liebe zur Malerei, und verfolgte nie kommerzielle Zwecke, denn er bot nie eine Arbeit zum Kauf an und alle Blätter blieben bis zu seinem Ableben in seinem Besitz. Das erklärt auch einleuchtend, warum das Bestiarium, sofort nach dem Dahinscheiden des Künstlers in Vergessenheit geriet.

 

Damit wäre die Geschichte des Aloys Zötl zu Ende gewesen und auch nie geschrieben worden, würde nicht eine Verkettung von Umständen und Zufällen dazu geführt haben, dass 320 Blätter seiner Aquarelle, im Jahr 1955, nach Paris gelangten und dort in zwei Auktionen angeboten wurden.

 

Das Vorwort zu dem erscheinenden Auktionskatalog schrieb niemand Geringerer als der Surrealist Andre Breton (1896-1966). Die Begeisterung Bretons für das Werk Aloys Zötls war derart groß, dass er es als „das prächtigste Tierbuch, dass die Welt je gesehen hat“ bezeichnete. Der Surrealist sah Zötl als einen „visionären Apparat“ der die Aquarelle geschaffen hatte, was natürlich nicht zutraf, da der Oberösterreicher nach Vorlagen malte.

 

Zötl erfuhr auch die Ehrung von Breton in die Liste der „Surrealists avant a lettre“ aufgenommen zu werden, deren Namen die Vorläufer des Surrealismus beinhaltet. Damit fand er sich neben bedeutenden Künstlern, wie etwa Henri Rousseau (1844-1910) und war somit der einzige Österreicher der offiziell als Surrealist anerkannt wurde.

 

Dass der Surrealismus Zötl vereinnahmte, ist auf Grund der Malweise leicht nachvollziehbar, da der Oberösterreicher keine akademischen Strukturen verfolgte. Im Gegenteil, um richtige Größenverhältnisse zur Landschaft oder zoologische Exaktheit kümmerte sich Zötl in keiner Weise, und die Tiere wirken wie in die Landschaft hineinversetzt. Dadurch erscheinen seine Bilder, ähnlich den Arbeiten Rousseaus, mehr als Traumsequenzen, denn als Realismus.

 

Die beiden Auktionen wurden zu einem riesigen Erfolg. Sammler und Kunstliebhaber zahlten enorme Preise für die Arbeiten des, bis dahin unbekannten, Künstlers und so sind seine Blätter heute über die ganze Welt verstreut. Bei der zweiten Auktion, die erst 1956 stattfand, waren die Preise derart hoch, dass Andre Breton sich den Erwerb einzelner Arbeiten nicht mehr leisten konnte.

 

Liebe Leute, der Lauf des Schicksals ist unvorhersehbar, und so wurde aus einem Tuchfärber und Freizeitmaler aus dem beschaulichen Eferding ein „Shooting-Star“ der Kunstwelt, obwohl das nie in seiner Absicht und Bestrebung lag.

Euer Kultur Jack!

Beitragsbild: Die Löwin, Copyright: Wikimedia Commons

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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