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B(r)uchstücke der Literatur LIV – Der Literat als Philosoph

B(r)uchstücke der Literatur LIV – Der Literat als Philosoph

Thoreau war vielleicht nicht der erste „Aussteiger“ der Geschichte, jedoch hat er sein Abenteuer, als Erster, literarisch zu Papier gebracht.

Foto: © jasonannagie

„Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben. Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben. Ich wollte kein Leben führen, das eigentlich kein Leben ist, dazu war es mir zu kostbar. Ich wollte intensiv leben, dem Leben alles Mark aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles die Flucht ergreifen würde, was nicht leben war; wollte mit großem Schwung knapp am Boden mähen, um das Leben in die Ecke zu treiben und es auf die einfachste Formel zurückzubringen. Wenn es sich als erbärmlich erwies, dann wollte ich seine Erbärmlichkeit kennenlernen und sie der Welt kundtun. War es aber herrlich, so wollte ich es aus eigener Erfahrung kennen und imstande sein, einen wahrheitsgetreuen Bericht zu geben. Denn die meisten Menschen scheinen sich in einer merkwürdigen Unklarheit darüber zu befinden, ob es von Gott oder vom Teufel stammt, und haben etwas voreilig den Schluss gezogen, dass es die Hauptbestimmung des Menschen auf Erden sei, Gott zu preisen und sich seiner ewig zu erfreuen.“
Walden, Henry David Thoreau (1817-1862)

Der kleine Mensch und die riesige Sonne.

Foto: © miraculamundi

„Freuen wir uns, wenn die Sonne aufgeht und das schöne Licht kommt. Das Gaslicht kann ausgehen, das elektrische. Die Menschen stehen auf, wenn ihr Wecker schnurrt, es hat ein neuer Tag begonnen. Wenn vorher der 8. April war. so ist jetzt der 9., wenn es ein Sonntag war ist jetzt ein Montag. Das Jahr hat sich nicht geändert, der Monat auch nicht, aber es ist eine Änderung eingetreten. Die Welt hat sich weitergewälzt. Die Sonne ist aufgegangen. Es ist nicht sicher, was die Sonne ist. Die Astronomen beschäftigen sich viel mit diesem Körper. Er ist ja, sagen sie, der Zentralkörper unseres Planetensystems, denn unsere Erde ist nur ein kleiner Planet. Und was sind eigentlich wir denn? Wenn so die Sonne aufgeht und man sich freut, sollte man eigentlich betrübt sein, denn was ist man denn, 300 000mal so groß wie die Erde ist die Sonne, und was gibt es alles noch für Zahlen und Nullen, die alle nur sagen, dass wir eine Null sind oder gar nichts, völlig nichts. Eigentlich lächerlich, sich da zu freuen.
Und doch freut man sich, wenn das schöne Licht da ist, weiß und stark und kommt auf den Straßen, in den Zimmern erwachen alle Farben, und die Gesichter sind da, die Züge. Es ist wohlig, Formen zu tasten mit den Händen, aber es ist ein Glück, zu sehen, zu sehen, Farben zu sehen, Linien. Und man freut sich und kann zeigen, was man ist, man tut, man erlebt. Wir freuen uns auch im April über das bisschen Wärme, wie freuen sich die Blumen, dass sie wachsen können. Es muss ein Irrtum, ein Fehler sein in den schrecklichen Zahlen mit den vielen Nullen.
Geh nur auf, Sonne, du erschreckst uns nicht. Die vielen Kilometer sind uns gleichgültig, der Durchmesser, dein Volumen. Warme Sonne, geh nur auf, helles Licht, geh auf. Du bist nicht groß, du bist nicht klein, du bist eine Freude.“
Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblin (1878-1957)

Auch diese Erkenntnis wäre möglich.

Foto: © GPA Photo Archive

„Ach, ich weiß nicht, aber man kriegt die Natur satt mit allen ihren Wundern und verblüffenden Leistungen, vom Subatomaren bis zum Galaktischen. Die Dinge gehen zu rauh mit den Menschen um. Sie scheuern sie zu hart. Sie stechen sie in die Adern. Als wir über die Berge kamen und ich den Pazifik sich in epileptischem Anfall gegen das Ufer werfen sah, dachte ich: Also zum Teufel mit dir. Man kann nicht immer mit der Art einverstanden sein, wie die Welt geformt wurde. Manchmal denke ich: Wer will ein ewiger Geist sein und mehrere Existenzen haben? Scheiß auf das alles!“
Humboldts Vermächtnis, Saul Bellow (1915-2005)

 

Alles was ungesehen und ungehört verlorengeht.

Foto: ©saaz.info

„Seit der ersten Kindheit, wie viel tausend verschwimmende Gestalten von kleinen Gedanken, Ahnungen – dann halbgeborene Dichtungen, Träume, Ideen, Kleinode von Empfindungen mögen das lange Leben eines Menschen durchwandeln, ohne dass Kunde davon wird! – Man denke nur an das innere, namenlose Gewimmel des erwachenden Jünglings – an die langen, träumenden, erinnernden wortkargen Tage des einschlummernden Greises – an die Liebestage der schamvollen Jungfrau, an die innere, unausgesprochene Traumwelt phantasiereicher Weiber überhaupt, die durchgängig mehr mit Empfindungen handeln, ohne immer das Glöckchen derselben zur Hand zu haben, was wir hingegen häufiger können und tun. In dem reichsten wie ärmsten Menschen geht eine Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind – nur aus den drei Stanzen, die er herausgab, machen wir ein Urteil zusammen und sagen, seht, das ist der Dichter. Und glückselig der, der ein Ohr hat, auch nur die drei Stanzen recht zu hören, und sich ein schönes Bild zu machen – so hat er dann eine schöne Welt: es gibt aber Leute, die aus den wenigen Farbkörnern, die dem anderen entspringen, nur Fratzen bilden – und diese bedaure ich – sie sagen freilich, sie kennen die Welt, aber es ist nicht wahr, sie bekennen nur wider Willen ihr kleines Innere und haben noch dazu eine Zerrwelt.“
Feldblumen, Adalbert Stifter (1805-1868)

Das Tempo der Zeit, wenn der Mensch etwas mit Freude macht – mit den Worten des Poeten.

Foto: © enlenguapropia.files.wordpress.com

„Schließlich, wenn ich weiter von innen nach außen den verschiedenen nebeneinander bestehenden Phasen meines Bewusstseins nachgehe, stoße ich noch auf ein Behagen anderer Art, das Gefühl angenehm zu sitzen, die gute Luft zu spüren und durch Besucher nicht behelligt zu werden; dazu kam, dass ich bei jedem Stundenschlag vom Glockenturm von Saint – Hilaire die bereits vergangene Zeit des Nachmittags Stück für Stück herunterfallen sah, bis ich den letzten Schlag hörte, der mir gestattete, die Endsumme festzustellen; das Schweigen, das darauf folgte, schien im Himmelsblau dann der Anfang jener Frist zu sein, die mir für meine Lektüre noch blieb bis zu dem guten Abendessen, das Francoise bereitete und das mir Erholung von den Anstrengungen bringen würde, die ich bei meiner Lektüre an der Seite meines Helden hatte mitmachen müssen. Bei jedem Stundenschlag aber schien es mit, als sei der vorhergehende eben erst gefallen; die jüngst verflossene Stunde stand noch ganz nah der anderen am Himmel, und ich konnte nicht glauben, dass sechzig Minuten in dem durchmessenen kleinen braunen Bogen zwischen den beiden goldenen Markierungen des Sonnenstandes Platz gehabt haben sollten. Manchmal sogar zeigte sich eine übereilige Stunde mit zwei Schlägen mehr an als die vorige; eine hatte ich also überhört, es hatte etwas stattgefunden, aber nicht für mich; das Interesse an der Lektüre, die so magisch wirkte wie ein tiefer Schlaf, hatte meine halluzinierten Ohren abgelenkt und den goldenen Glockenton auf der azurnen Fläche des Schweigens einfach ausgelöscht.“
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, In Swanns Welt, Marcel Proust (1871-1922)

Die Wichtigkeit des eigenen Tuns.

Foto: © Monozigote

„Es gab viele solche Männer, bei denen ich gerne angeklopft hätte, um ihnen ein paar Fragen zu stellen, wie es meine Anhänger heute tun. Die meisten muss ich leider abweisen. Am Anfang hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie nicht anhörte, aber heute glaube ich, dass ich ihnen einen Dienst damit erweise. Junge Leute können alle möglichen Fragen stellen, oft fundierte und beunruhigende Fragen. Nachdem ich ihnen Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hatte, merkte ich schließlich, dass es gleichgültig war, was ich sagte. Ich bin der Ansicht, dass es keinen Sinn hat, Ratschläge zu geben. Man muss allein dahinterkommen. Das klingt grausam, aber das ist es nicht.
Man muss erst einen Punkt erreicht haben, an dem es kein Zurück mehr gibt. Von da an geht es aufwärts. Man wird von keinem Gott beschützt. Am Ende muss man zu sich selbst zurückkehren. Wozu man sich auch entschließt, man muss es selber tun. Man muss das tun, was man glaubt, tun zu müssen, und nicht dem Beispiel eines anderen folgen, weil der erfolgreich war. Man kann nicht so sein wie er. Man ist man selbst. Jeder ist absolut einzigartig, und jeder hat sein eigenes Schicksal. Wir können so viel lernen wie wir wollen, uns die größten Meister anhören und so weiter, aber was wir tun, was wir werden, wird von unserem Charakter bestimmt.“
Mein Leben und meine Welt, Henry Miller (1891-1980)

Es ist immer interessant Erkenntnisse aus anderen Leben vermittelt zu bekommen, wenn sie jedoch in schöne Worte gekleidet sind, ist der Genuss noch wesentlich größer.
Euer Kultur Jack!

Copyright Beitragsbild: Pixabay

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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