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B(r)uchstücke der Literatur LI – Amerikanische Erzählungen

B(r)uchstücke der Literatur LI – Amerikanische Erzählungen

Die gespenstige Imagination einer U – Bahnfahrt.

Foto: © Library of Congress

„Von Zeit zu Zeit dröhnte mit dumpfem, langsam verhallendem Gedonner eine U-Bahn unter ihnen hin. Vielleicht stellten sie sich flüchtig die beiden grünen Augen vor, die sich gewaltsam und ohne gelenkt oder dirigieret zu werden, in die Erde hineinbohrten, wie von sich selbst getrieben und so, als schüfen sie – Perlen gleich, die an einer Schnur aufgereiht sind – flüchtig erleuchtete Nischen, in deren grell aufscheinendem, bleichen Licht menschliche Gestalten wie Leichen in einem geschändeten Friedhof momentan aufsaßen, um gleich darauf wieder hart und gewaltsam in Fahrtrichtung davongerissen zu werden.“
Pennsylvania Station, William Faulkner (1897-1962)

 

Liebe, in einem ungewöhnlichen Vergleich.

Foto: © fuzzheado

„War die Liebe etwa wie eine Tüte gemischter Bonbons, die herumgereicht wurde und aus der man sich mehr als einmal bedienen durfte? Manche brannten vielleicht auf der Zunge, andere erinnerten an Nachtduft. Manche waren innen gallebitter, manche vermischten Honig mit Gift, manche waren schnell hinuntergeschluckt. Und zwischen den gewöhnlichen Lakritz- und Pfefferminzbonbons ein paar seltene; eines oder zwei mit tödlichen Nadeln im Herzen, ein anderes, das Ruhe und sanfte Lust brachte. Schlossen seine Finger sich um dieses?“
Schiffsmeldungen, Annie Proulx (geb. 1935)

 

New Yorker Impression.

Foto: © Kultur Jack

„Lexington Avenue. Feuchter Wind. Der Nachmittag war gespenstisch und nasskalt. Ich ging an der U-Bahn Station in der 51st und der 42nd Street vorbei und lief immer weiter, um den Kopf freizubekommen. Aschweiße Apartmentblocks. Horden von Menschen auf den Straßen, beleuchtete Weihnachtsbäume, die hoch oben auf Penthouse-Balkonen funkelten, süßliche Musik, die aus Läden plätscherte, und während ich mir einen Weg durch die Massen bahnte, hatte ich das eigenartige Gefühl, ich wäre bereits tot und würde in einem Bürgersteiggrau wandeln, so endlos, dass die Straße oder selbst die ganze Stadt es nicht umfassen konnten, und meine Seele löste sich von meinem Körper und trieb unter anderen Seelen in einem Nebel irgendwo zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Walk, Don´t Walk, einzelne Fußgänger, seltsam isoliert, einsam, leere Gesichter, die stur geradeaus starrten, Stöpsel in den Ohren, lautlos die Lippen bewegten, schalldicht abgedämmt gegen den Lärm der Stadt unter einem erdrückenden granitfarbenen Himmel, der die Straßengeräusche dämpfte, Müll und Zeitungen, Beton und Nieselregen, ein schmutziges Wintergrau, schwer wie Stein.“
Der Distelfink, Donna Tarrt (geb. 1963)

Das Rätsel der menschlichen Psyche.

Foto: © Center for Creative Photography

„Samuel sagte:“ Nun, wende das einmal auf die Kain-und-Abel-Erzählung an.“
Und Adam sagte.“ Ich habe meinen Bruder nicht erschlagen…“ Er stockte plötzlich, und seine Gedanken wandten sich vergangener Zeit zu.
„Ich glaube, ich darf das“, antwortete Lee auf Samuels Einwurf. „Es ist dies wohl die bekannteste Geschichte der Welt, denn sie ist jedermanns Geschichte. Sie ist die sinnbildliche Geschichte der menschlichen Seele. Lassen sie mich langsam meinen Gedankengang weiterführen; gehen sie nicht gleich auf mich los, wenn es nicht ganz klar herauskommt. Die größte Angst, die ein Kind befallen kann, ist die, nicht geliebt zu sein; die Verwerfung ist die Hölle, die es ängstigt. Jeder Mensch auf der Welt hat wohl in größerem oder kleinerem Maß solche Verwerfung gespürt. Und mit der Verwerfung kommt der Zorn, und mit dem Zorn stellt sich, als Rache für die Verwerfung, irgendeine Missetat ein, mit der Missetat aber Schuldgefühl – da haben sie die Geschichte der Menschheit. Wenn die Verwerfung beseitigt werden könnte, so wäre der Mensch nicht das, was er ist. Vielleicht würde es weniger Wahnsinnige geben. Ich bin überzeugt, es würde dann nicht viele Gefängnisse geben. Darin liegt alles beschlossen, der Anfang, der Urbeginn. Ein Kind, dem die Liebe verweigert wird, nach der es sich sehnt, gibt der Katze einen Tritt und verhehlt sein Schuldbewusstsein; ein anders stiehlt, um sich mittels Geld Liebe zu sichern; ein drittes erobert die Welt… immer wieder Schuld und Rache und weitere Schuld. Der Mensch ist das einzige Tier, das Schuldbewusstsein hat. Doch einen Augenblick! Darum eben meine ich, dass diese alte, schreckliche Geschichte so bedeutsam ist, sintemalen sie das Weistum der Seele ist, der verborgenen, verworfenen, schuldbewussten Seele.“
Jenseits von Eden, John Steinbeck (1902-1968)

Der Wandel des Menschen im Laufe der Zeit.

Foto: © Antonio Monda

„Dass Menschen vielschichtige Wesen sind, war dem Schweden nichts Neues, aber natürlich reagiert man leicht schockiert, wenn jemand einen enttäuscht und man wieder einmal darauf gestoßen wird. Ihn verblüffte vor allem, wie die Menschen ihr eigentliches Wesen zu verlieren schienen, wie sie verloren, was auch immer sie zu dem machte, was sie waren, um dann, ihrer selbst entleert, zu der Art von Leuten zu werden, für die sie früher nur Mitleid übriggehabt hätten. Es war, als ob sie, wenn sie noch ihr inhaltreiches und erfülltes Leben führten, sich insgeheim vor sich selber ekelten und es gar nicht erwarten könnten, ihren gesunden Menschenverstand und ihren gesunden Körper und jeden Sinn für Proportion loszuwerden, um endlich zu jenem anderen Ich, dem wahren Ich, herabzusteigen, das nichts als ein vollkommen vermurkstes und chaotisches Trugbild war. Als sei ein Leben im Einklang mit der Welt ein Zufall, der jungen Menschen, wenn sie Glück hatten, gelegentlich passieren konnte, im Übrigen aber etwas, wozu es dem Menschen an jeglicher echten Neigung fehlte. Wie sonderbar. Und wie sonderbar mutete ihn hier der Gedanke an, dass in Wirklichkeit womöglich er, der sich immer seliggepriesen hatte, zum großen Heer der Normalen und Friedfertigen zu zählen, die Abnormität war, ein Fremdling im wahren Leben, gerade weil er so fest und unverrückbar darin wurzelte.“
Amerikanisches Idyll, Philip Roth (1933-2018)

Eine poetische Erinnerung an die Mutter.

Foto: © Giuseppe Pino

„Meine sehr fotogene Mutter starb durch eine Schicksalslaune (Picknick, Blitz), als ich drei war und außer einem Winkel voll Wärme in dunkelster Vergangenheit ist nichts von ihr in den Höhen und Tälern meiner Erinnerung haften geblieben, über denen – wenn Sie meinen Stil noch ertragen können (ich schreibe unter Bewachung) – die Sonne meiner ersten Kindheit untergegangen war. Sicherlich kennen Sie alle den duftenden Ausklang des Tages, der mit den Mücken um eine blühende Hecke hängt und der plötzlich aufgestört wird von den Schritten eines Dahinwandernden, am Fuße eines Hügels, in der Sommerdämmerung, Bienenwärme, goldene Mücken.“

Lolita, Vladimir Nabokov (1899-1977)

Europäische Literatur geht bis in die Antike zurück, ist weit über 1000 Jahre alt und hat somit eine lange Entwicklungsgeschichte. Die USA schafften es, in 250 Jahren, der ehemaligen Heimat die Stirn zu bieten und haben die weltweite Bewunderung ihrer literarischen Schöpfungen redlich verdient.
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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