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Der alte Mann und das Ballett

Der alte Mann und das Ballett

Liebe Leute, meint Ihr, kann man sich kulturelle Interessen aussuchen? Ich bezweifle es, denn meiner Meinung nach, erwählen sie dich! Man sieht das erste Theaterstück, liest das erste Buch oder betritt zum ersten Mal ein Museum und kommt möglicherweise nicht mehr davon los.
Umgekehrt funktioniert das genauso – manche Kunstformen erscheinen dir, ein ganzes Leben lang, sperrig, du stehst immer etwas außerhalb des Geschehen , und bist von Enthusiasmus für die Sache weit entfernt.
Mir ergeht es so mit dem Tanz – ich habe bis heute keinen wirklichen Zugang dazu gefunden. Es stört mich nicht und beschäftigt meine Gedanken nicht wirklich, denn Malerei und Literatur sind als Interessen mehr als ausreichend.
Jedoch, um der Wahrheit Genüge zu tun, gibt es 3 Darbietungen des Tanzes, die bei mir Begeisterung auslösen. Es ist die Leichtfüßigkeit und Mühelosigkeit eines fast schwebenden Fred Astaire, Michael Jacksons Professionalität der Bewegung, seine Freude daran und die erkennbare Liebe dazu – und dann sind da noch die Ballett-Bilder eines Edgar Degas.

 

Edgar Degas verstand sich, als junger Künstler, in erster Linie als Porträtist, versuchte sich aber auch in der, damals höchst angesehenen, Historienmalerei. Nach 5 Bildern und erfolgloser Ausstellung im „Pariser Salon“, kamen ihm Zweifel am Wert der Historienmalerei und er verlegte seine Schöpferkraft auf das Pariser Leben der Gegenwart.
Aus dem täglichen Geschehen der Großstadt entwickelten sich 3 Werkgruppen die den Maler, sein ganzes Leben lang, nicht mehr loslassen sollten: der Pferderennsport, Frauen bei der Körperpflege und das Ballet der Oper.

 

Edgar wuchs in einem großbürgerlichen, den schönen Künsten zugeneigtem Umfeld auf und wurde von zu Hause in der Wahl des Studiums der Malerei unterstützt. Von klein auf, besuchte er mit seinem Vater die Pariser Oper. Der Besuch der Oper zählte, zu dieser Zeit, in Bürgerkreisen zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens. Es ist nicht immer so, dass des Vaters Glück auch das Kind berührt, aber Edgar liebte die Oper, sein ganzes Leben lang.
1868 begann das Thema Oper ein Teil seines Schaffens zu werden, wobei anfangs die Musiker des Orchesters sein Interesse weckten. Man erkennt es gut am linken unteren Bild, wo die abgeschnittenen Tänzerinnen vorerst nur als Staffage für den Hintergrund dienen. Zur gleichen Zeit malt er auch das Porträt -Mlle Fiocre in dem Ballet „Die Quelle“ und hier tauchen, zum ersten Mal, unter dem Pferd liegend, Ballettschuhe auf.

 

Der Übergang, wo die Musiker Nebensache und die Mädchen zum Hauptthema werden, vollzieht sich in den Bildern ab 1871.

 

Durch einen Freund erhält der Künstler Zugang zu den Proberäumen der Tänzerinnen und das wird zu einem Wendepunkt in seinen Ballettbildern, denn das Proben, Üben oder Ausruhen der Mädchen erscheint ihm, sozusagen als „Blick durchs Schlüsselloch“, noch interessanter. Degas hat ungefähr 200 Bilder zum Zyklus Ballet gemalt, jedoch 4 von 5 Darstellungen betreffen das Geschehen hinter den Kulissen.

 

Edgar hatte ein phänomenales Gedächtnis, denn keines seiner Bilder entstand vor Ort, sondern er ließ alle Eindrücke im Atelier wiederauferstehen, wobei er aber die Handlungen frei komponierte. Charakteristisch für diese Serien ist auch, dass der Tanzboden immer viel Raum einnimmt.

 

Ein Medium, das Degas in Perfektion beherrschte und auch sehr schätzte war die Pastell-Malerei. Und genau diese Technik findet bei den Ballettdarstellungen den adäquaten Niederschlag, denn der Künstler bezeichnete die Tänzerinnen als „Schmetterlinge der Oper“. Und genau die pulverige und körnige Struktur des Pastells gleicht dem Staub auf den Flügeln von Faltern und Schmetterlingen und symbolisiert auch deren Flüchtig- und Vergänglichkeit.

 

1873 brannte die Pariser Oper bis auf die Grundmauern nieder und das bedeutete einen herben Verlust für den Maler, denn mit ihr verlor er einen imaginären Teil seiner Kindheit. An dem neuen, 1875 fertiggestellten Opernhaus, fand Degas nicht wirklich Gefallen, blieb ihm einige Zeit fern, versöhnte sich jedoch mit dem Neubau und zählte später zu seinen Besuchern.

 

Im Paris des 19. Jahrhunderts im Ballet zu tanzen, war kein Luxus-Beruf, etliche der Mädchen entschieden sich dafür um der Armut oder der Prostitution zu entfliehen. Betuchte, männliche Besucher der Aufführungen bekamen jedoch Zugang zum Vorraum hinter der Bühne – und so ist die heutige „Me Too“-Debatte auch dort angesiedelt. Degas Beziehung zu den Tänzerinnen dürfte aber nur auf professioneller und künstlerischer Ebene stattgefunden haben, denn es gibt bis heute keinen Hinweis auf Gegenteiliges. Edgar war nie verheiratet und es rankten sich eher homosexuelle Gerüchte um ihn.

 

Der Künstler stellte Opernbilder in der ersten Ausstellung der Impressionisten aus, fühlte sich diesen Künstlern aber nie wirklich zugehörig. Sein Tenor: „Die Impressionisten suchen natürliches Leben, ich brauche für meine Bilder künstliches:“
1892 besuchte Degas zum letzten Mal die Pariser Oper, denn mit der Musik Richard Wagners endete für ihn die französische Oper, und er besuchte das Haus nie wieder. Tänzerinnen malte er aber nach wie vor.

 

Als des Künstlers Augenlicht nachzulassen begann, verlegte er sein Interesse auch auf die Skulptur und erregte prompt einen Skandal – er stattete seine Tänzerin mit echtem Tütü und Haarschleife aus. Das entsprach in keiner Weise der akademischen Vorgabe.

 

Edgar Degas war zeitlebens kein einfacher Charakter und verlor etliche Freunde wegen der „Dreyfus Affäre“, da er auf der Seite der Antisemiten stand. 1917 starb der „Meister des Pastells“ vereinsamt und nahezu erblindet an einer Gehirnblutung in Paris.

 

Lieber Edgar, dass Du sogar Tanzmuffel zu Begeisterung für die Darstellung von Ballett-Szenen hinreißen kannst, dankt Dir,

Dein Kultur Jack!

Foto Beitragsbild: The Athenaeum. org

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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