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Steinerne Pracht

Steinerne Pracht

Liebe Leute, drei Dinge gibt es auf unserer schönen Welt in Unmengen – Pflanzen, Insekten und Steine. Die Unscheinbarsten von den Dreien sind, auf den ersten Blick, die Steine. Diese Meinung ändert man jedoch sofort, wenn man einen Stein ins Wasser legt, denn augenblicklich ist man beeindruckt von den klaren Linien der Musterung und der Sattheit der Farben.
Noch aufregender wird es, wenn man Schmuck- oder Edelsteine durch Schleifen und Polieren bearbeitet, denn danach glänzen sie in ihrer vollen Pracht. Und das führt uns zu unserem heutigen Kleinod – ein Bild, welches aus Halbedelsteinen geschnitten wurde.
Die älteste Methode ein Bild aus Steinen zu verfertigen ist das Mosaik. Die ältesten davon wurden bereits 2500 v. Chr. in Mesopotamien geschaffen. Europäische Mosaiken entstanden in Griechenland ab dem 3. Jahrhundert vor Christus. Sehr weite Verbreitung und große Beliebtheit fand diese Kunstform im Römischen Reich.

 

Bei den Werkstoffen für ein Mosaik hat sich seit der Antike nicht viel geändert, meistens waren es kleine Kuben, genannt „Tessera“, aus verschiedenen Materialien. Es wurde immer Steinchen neben Steinchen gelegt, nur Genauigkeit, farbliche Zusammensetzungen und Abstufungen veränderten die Qualität.
Im 16. Jahrhundert jedoch entwickelte sich in Rom eine neue Art des Mosaiks, das im sogenannten „Pietra Dure“ (harter Stein) – Verfahren hergestellt wurde. Bei dieser Technik schnitt man ganze Teile des Bildes aus den Halbedelsteinen und setzte sie passgenau in die Darstellung ein. Vervollkommnet wurde diese Technik nach ihrem Bekanntwerden in Florenz, weshalb sie auch den Beinamen „Florentiner Mosaik“ bekam, und in den Uffizien eigens dafür eine Schule gegründet wurde.

 

Eines der ersten Kunstwerke dieser Schule, eine Tischplatte, schenkte Francesco I. de Medici, 1589, dem Habsburger Kaiser Rudolf II., welcher sofort begeistert war und noch eine weitere bestellte, deren Herstellung jedoch 6 Jahre dauerte, da Rudolf die Steine in Böhmen suchen und nach Florenz bringen ließ.
Da edle Steine im tschechischen Königreich in großen Mengen gefunden wurden und eine wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit zu erwarten war, entschloss sich der leidenschaftliche Sammler Rudolf II. eine Werkstatt für Steinschnitt am Prager Hof zu etablieren. Zunächst scheiterte das Vorhaben, und erst ein Auftrag an die Werkstatt der Medici in Florenz für einen Prunktisch brachte Bewegung in die Sache.
Ein Meister dieser neuen Technik, der Florentiner Steinmetz Cosimo Castrucci (aktiv 1576-1602), folgte nun dem Ruf des Kaisers an den Prager Hradschin. Obwohl aus einer langen Reihe von Goldschmieden abstammend, hob Cosimo den Steinschnitt, auf Grund seiner neuen impressionistischen Darstellungsweise, auf eine neue Qualitätsstufe. Im Laufe der folgenden Jahre trat sein Sohn, der 1610 zum Kammer-Edelsteinschneider ernannt wurde, und auch sein Enkelsohn in die Prager Werkstatt ein, die bis zum Tode Rudolf II. erfolgreich geführt wurde.

 

Jedoch der Künstler, des heutigen Kleinod des Monats, war Cosimo, und es stellt die Opferung Isaaks durch Abraham in einer idealisierten Landschaft dar. Geschickt versteht es der florentinische Meister die gesamte Bildfläche für die biblische Szene zu vereinnahmen, denn er setzt Abraham und den Engel des Herrn, in die gegenüberliegenden Ecken der Darstellung.
Abraham und Isaak befinden sich auf dem Berg „den Gott ihm gesagt hatte“, jedoch das Land Morija, wo die Szene spielt, ist keineswegs menschenleer. So quert ein einsamer Wanderer von einer Mühle kommend eine Brücke, unter der jemand in tosendem Wasser sein Boot auf Kurs hält.

 

Es war nicht nur das passgenaue Schneiden und Einsetzen der Steine, das Cosimos Meisterschaft ausmachte, denn das war für professionelle Steinmetze erlernbar. Seine Stärke lag darin, mit farblichen Abstufungen perspektivische Verkürzungen im Bild zu bewirken. Die Tiefenwirkung der hintereinanderliegenden Häuser und Städte ist enorm. Durch die verschieden dunkle Färbung der Achate und Jaspise, und den dominanten Baum am Gipfel des Berges wird der Blick des Betrachters automatisch auf das Hauptgeschehen, die Opferung, gelenkt. Dazu macht die Professionalität dieses Handwerkers schwer zu unterscheiden, ob man den Schnitt oder die Maserung im Stein vor Augen hat.

 

Das steinerne Bild, mit der Größe von 43,3 x 57,7 cm, ist heute, wie ein großer Teil der Sammlung Rudolf II., in der Kunstkammer des Wiener Kunsthistorischen Museums zu bewundern. Aber nicht nur dieses, sondern noch zwei weitere dort ausgestellte Bilder lassen uns darüber staunen, auf welch hohem Niveau dieser Meister sein handwerkliches Können ausgeübt hat.

 

Cosimo Castrucci dürfte ein guter Lehrmeister gewesen sein und auch seine künstlerischen Gene vererbt haben, denn sein Sohn und Enkel waren ihm als Nachfolger ebenbürtig.

 

Das Ende der Prager Werkstatt der Castruccis, war aber nicht das Ende des Steinschnitts. Er erfreute sich weiter großer Beliebtheit und einer dieser Liebhaber war Franz Stephan von Lothringen, der Gemahl von Maria Theresia. Seine florentinische Sammlung ziert heute das „Pietra Dura“-Zimmer der Präsidentschaftskanzlei in der Wiener Hofburg.

 

Liebe Leute, zur Zeit des Biedermeiers waren private Steinsammlungen nichts Unübliches. Adalbert Stifter hat 1852 einer Sammlung seiner Erzählungen den Namen „Bunte Steine“ gegeben und jede einzelne Geschichte hatte den Namen eines Halbedelsteins. Darin ist auch sein berühmtes „Bergkristall“ enthalten. Er hatte richtig betitelt, denn seine Erzählungen sind Edelsteine.
Das Ende des Beitrags, führt uns zurück an den Anfang, denn wie ein Stein erst im Wasser seine Farbe zeigt, der Diamant erst durch den Schliff seine Schönheit offenbart und die Druse erst aufgeschnitten uns beeindruckt, so ist es beim Steinschnitt nicht anders. Die Steine werden in die richtige Form gebracht, eingepasst, danach geschliffen und poliert und erst dann zeigen sie ihre verborgene Pracht.
Euer, Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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