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Amerika am Wort

Amerika am Wort

Nachdem sich Amerika von Europa unabhängig gemacht hatte, wollte es diesen Schritt natürlich auf allen Gebieten vollziehen. Die Schriftsteller des aufkeimenden, neuen Staates zeigten sehr bald, dass sie zu einem „Literatur-Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ aufsteigen würden.

Der Einsiedler vom Walden-See.
„Die besten Jahre seines Lebens auf den Gelderwerb zu verwenden, nur um während der minder wertvollen Jahre eine fragwürdige Freiheit zu genießen, erinnert an den Engländer, der zuerst nach Indien ging, um reich zu werden, und dann nach England zurückkehren wollte, um dort ein Dichterleben zu führen. Warum zog er nicht gleich in eine Dachkammer?“
Walden, Henry David Thoreau (1817-1862)

Foto: ©Jasonanaggie

 

Die Ankunft zweier Fährtenhunde.

Foto: © Library of Congress

„Auf dem unfreundlichen Bahnsteig warteten in der traurigen Dämmerung diese Sonntagmorgen dreißig bis vierzig Männer, als der Zug mit erleuchteten Fenstern einfuhr und kreischend stehenblieb. Es war ein Schnellzug, der nicht immer in Jefferson hielt. Der Aufenthalt dauerte gerade so lange, dass die beiden Hunde herausgeholt werden konnten: in einem nahezu erschreckenden Schweigen, das von kleinen Menschenlauten erfüllt war, blieben tausend kostbare Tonnen kunstvoll verarbeitetem Metalls schimmernd und knirschend stehen, um zwei magere, sich krümmende Phantome auszuspeien, deren sanfte Gesichter mit den Hängeohren in trauriger Demut nach den müden, blassen Gesichtern der Männer blickten, die in der letzten Nacht nicht viel geschlafen hatten und sie mit einer von Entsetzen, Eifer und Hilflosigkeit geladenen Spannung empfingen.“
Licht im August, William Faulkner (1897-1962)

Der alternde Mensch.
„Etwas ähnliches hatte sie in der Vergangenheit nie gespürt. Mit Vergangenheit meinte sie natürlich die Zeit, als ihr Körper noch ein Bett war für die roten Ströme, die das organische Leben weitertragen. Jene rhythmischen Gezeiten herrschten nicht mehr in ihr, sie hatten sich ihrem Körper entzogen und ihn wie eine gezeitenlose Flussmündung zurückgelassen, über der wie die Scheibe des Mondes über einer stillen Wasserfläche das Verlangen stand.“
Mrs. Stone und der römische Frühling, Tennessee Williams (1911-1983)

Foto: © Library of Congress

 

Späte Einsicht.

Foto: © gettyimages.co,uk

„Weißt du, was am Sterben so schrecklich ist? Dass man es ganz allein durchmachen muss“, und es durchfuhr mich , während meine Knie sich automatisch hoben und senkten, dass ich so gut wie nichts von meines Lieblings geistigem Leben wusste und dass es sehr wahrscheinlich hinter den scheußlichen jungendlichen Klischees einen Garten in ihr gab und ein Zwielicht und ein Palasttor – dämmrige, anbetungswürdige Regionen, zu denen mir, in meinen befleckten Lumpen und elenden Zuckungen, der Zugang in weiser Voraussicht und unwiderruflich verboten war; denn ich bemerkte oft, dass bei dem Leben, das sie und ich in einer Welt des totalen Bösen führten, wir völlig versagten, sooft ich versuchte, über etwas zu reden, das sie und ein älterer Freund, sie und ein Verwandter, sie und ein normaler Liebhaber, ich und Annabel, Lolita und ein sublimer, gereinigter, analysierter, vergöttlichter Harold Haze besprochen haben könnten – eine abstrakte Idee, ein Gemälde, den stoppeligen Hopkins, den glattgeschorenen Baudelaire, Gott oder Shakespeare, alles Echte.
Lolita, Vladimir Nabokov (1899-1977)

Virginia Woolf und die tote Drossel.

Foto: ©David Shankbone

„Draußen im Garten ist der schattige Grashügel mit der Drossel auf ihrem Totenbett, von den Hecken geschützt. Ein starker Ostwind ist aufgekommen und Virginia erschauert. Es kommt ihr vor, als habe sie das Haus verlassen (wo der Rinderbraten schmort, wo die Lampen brennen) und sei ins Reich des toten Vogels eingedrungen. Sie denkt daran, dass die frisch Begrabenen die ganze Nacht in ihren Gräbern bleiben, nachdem die Trauergäste Gebete gesprochen, Kränze niedergelegt haben und ins Dorf zurückgekehrt sind. Nachdem die Räder über den trockenen Lehm auf der Straße davongerollt sind, nachdem das Abendessen verzehrt ist und die Bettdecken zurückgeschlagen sind; das Grab bleibt, nachdem all das geschehen ist, und an den Blumen zaust leicht der Wind. Es ist erschreckend, aber nicht völlig unangenehm, dieses Friedhofsgefühl. Es ist real, es ist beinahe überwältigend real. Es ist auf seine Weise im Augenblick erträglicher, edler als der Rinderbraten und die Lampen. Sie steigt die Treppe hinab und geht hinaus in den Garten.
Der Leichnam der Drossel ist noch immer da (komisch, dass sich die Katzen und Hunde in der Nachbarschaft nicht dafür interessieren), winzig selbst für einen Vogel, so völlig leblos, hier im Dunkeln, wie ein verlorener Handschuh, diese kleine, leere Handvoll Tod. Virginia bleibt davorstehen. Die Drossel ist jetzt Unrat; sie hat die Schönheit des Nachmittags verloren, so wie Virginia das Staunen über Tassen und Dufflecoats, das sie am Teetisch erfüllte, verloren hat; so wie der Tag seine Wärme verliert. Am Morgen wird Leonard den Vogel, das Gras und die Rosen auf eine Schaufel laden und alles wegwerfen. Sie muss daran denken wie viel mehr Raum ein Wesen im Leben beansprucht als im Tod; wie viel Illusion von Größe in Gesten und Bewegung liegt, im Atmen. Im Tod werden unsere wahren Ausmaße offenbar, und die sind erstaunlich bescheiden. War es ihr nicht vorgekommen, als wäre ihre Mutter heimlich fortgebracht und durch ein kleineres Abbild aus fahlem Eisen ersetzt worden? Hatte sie, Virginia, nicht in sich einen leeren Raum gefühlt, überraschend klein, wo vermeintlich starke Empfindungen beheimatet sein sollten?
Hier also ist die Welt (das Haus, der Himmel, der erste zaghafte Stern), und hier ist das Gegenteil, diese kleine, dunkle Gestalt in einem Kreis aus Rosen. Es ist Abfall, das ist alles. Schönheit und Würde waren Illusionen, gefördert durch das Beisammensein mit Kindern, aufrechterhalten zum Wohle der Kinder.
The Hours, Michael Cunningham (geb. 1952)

Erinnerung.
„Damals fand ich diese Dinner wohl ermüdend und beschwerlich, aber heute hat die Erinnerung daran etwas Wundervolles: diese düstere Halle von einem Zimmer mit den gewölbten Decken und dem knisternden Feuer im Kamin, unsere Gesichter, irgendwie leuchtend, aber auch geisterhaft weiß. Der Feuerschein vergrößerte unsere Schatten, blinkte auf dem Silber, flackerte hoch an den Wänden; seine Reflexe loderten orangegelb in den Fensterscheiben, als stehe draußen eine Stadt in Flammen, und das Tosen der Flammen klang wie ein gefangener Vogelschwarm, der wie wild unter der Decke flatterte.“
Die geheime Geschichte, Donna Tarrt (geb. 1963)

Foto: © Federico Novaro

Nahezu 200 Jahre durch die amerikanische Literatur. Wir sind in der Gegenwart angekommen – Vielen Dank für die Begleitung!
Euer Kultur Jack!

Beitragsbild: public.domain.pictures.net

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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