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B(r)uchstücke der Literatur LIV- Poeten und die Liebe

B(r)uchstücke der Literatur LIV- Poeten und die Liebe

Die Balance im Handeln der Liebenden.

Foto: © Sailko

„Ich musste eine jener schwierigen Konstellationen durchmachen, denen man sich im Allgemeinen mehrmals im Leben gegenübersteht, und auf die man, auch wenn man sich in Charakter und Natur nicht verändert hat – jener Natur, die aus sich selbst unsere Liebe und beinahe auch die Frauen, die wir lieben, ja sogar ihre Fehler erschafft – nicht jedes Mal, das heißt in jedem Lebensalter in gleicher Weise reagiert. In solchen Augenblicken ist unser Leben geteilt oder vielmehr gleichsam auf die beiden Schalen einer Waage verteilt und völlig in ihnen enthalten. In der einen liegt unser Wunsch, dem Wesen, das wir lieben, auch wenn wir es nicht verstehen, nicht zu missfallen, ihm nicht zu demütig zu erscheinen, es aber doch auch ein Weilchen nach außen hin zu vernachlässigen, damit es nicht das Gefühl bekommt, uns unentbehrlich zu sein, wodurch es sich erst recht von uns abwenden würde; die andere enthält ein Leiden – ein nicht örtlich begrenztes und nicht partielles Leiden – das im Gegenteil nur beschwichtigt werden könnte, wenn wir unter Verzicht darauf, dieser Frau zu gefallen und sie glauben zu machen, wir könnten sie gut entbehren, wieder zu ihr eilten. Wenn man von der Schale, die den Stolz enthält, ein kleines Stückchen fortnimmt, da ja dies Gefühl aus Schwäche mit fortschreitendem Alter etwas abnutzt, und zu der Schale mit dem Kummer ein erworbenes physisches Leiden hinzusetzt, das man hat anwachsen lassen, so ergibt sich an Stelle der mutigen Lösung, die zur Zeit unserer zwanzig Jahre sich durchgesetzt haben würde, ein Sinken der anderen, ohne Gegengewicht zu schwer gewordenen Schale, welche uns, wenn wir erst fünfzig sind, mit sich herunterzieht. Das tritt umso mehr ein, als die Situationen sich wandeln und die Möglichkeit besteht, dass wir um die Mitte oder am Ende des Lebens die verhängnisvolle Schwäche uns selbst gegenüber walten lassen, unsere Liebe durch eine Gewöhnung zu komplizieren, die die Jugend in Anbetracht anderer Pflichten, die ihr weniger Freiheit lassen, noch nicht kennenlernt.“
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Im Schatten junger Mädchenblüte, Marcel Proust (1871-1922)

Wenn Liebe und Verlangen, auch vor Geschwistern, nicht zurückschreckt.

Foto: © viadellabelledonne.files.wordpress.com

„Aber als Agathe ihr Erschrecken überwand und sich nicht sowohl durch die Luft fliegen als vielmehr in dieser ruhen fühlte, von aller Schwere plötzlich entbunden und an deren Stelle von dem sanften Zwang der allmählich langsamer werdenden Bewegung gelenkt, bewirkte es einer jener Zufälle, die niemand in seiner Macht hat, dass sie sich in diesem Zustand wundersam besänftigt vorkam, ja aller irdischen Unruhe entrückt; mit einer das Gleichgewicht ihres Körpers verändernden Bewegung, die sie niemals hätte wiederholen können, streift sie auch noch den letzten Seidenfaden von Zwang ab, wandte sich fallend ihrem Bruder zu, setzte gleichsam noch im Fall das Steigen fort, und lag niedersinkend als eine Wolke von Glück in seine Armen. Ulrich trug sie, ihre Körper sanft an sich drückend, durch das dunkelnde Zimmer ans Fenster und stellte sie neben sich in das milde Licht des Abends, das ihr Gesicht wie Tränen überströmte.“
Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942)

Die Liebe in der Literatur der Romantik.

Selbstporträt Foto: © Matlin

„Du, der du einst diese Blätter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit, als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! – Es gibt Höheres als irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, blödsinnigen Menschen, und das ist jene höchste Sonnenzeit, wenn, fern von dem Gedanken freveliger Begier, die Geliebte wie ein Himmelsstrahl alles Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. – Dieser Gedanke hat mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heiße Tränen den Augen entstürzten und alle längst verharschten Wunden aufs Neue bluteten.“
Die Elixiere des Teufels, E.T.A. Hoffmann (1776-1822)

Einen Liebesbrief schreiben.

Foto: © flickr.com

Er schrieb: „Lilly, meine Geliebte“, genau wie früher. Zunächst ging es nur sehr langsam voran, da so viele schöne Wörter aus der täglichen, der schweren, trockenen Sprache des alltäglichen Lebens verschwunden waren; aber bald wurde er warm, und nun stiegen die Worte wie vergessene Melodien aus der Erinnerung empor; Walzertakte und Romanfragmente; blühender Flieder und Schwalben; Abendstunden mit Sonnenuntergang auf spiegelblanken Fjorden; alle Frühlingserinnerungen des Lebens tanzten in sonnigen Wolken hervor und gruppierten sich um sie herum. Ganz unten auf der Seite zeichnete er einen Stern. So wie Liebende es zu tun pflegen, und daneben schrieb er – genau wie früher – „küss mich hier!“
Herbst, August Strindberg (1849-1912)

Der Kuss der Liebenden.

Foto: © Courtesy of Minnesota Historical Society

„Die Stimme fiel hinunter, sank in ihre Brust und dehnte das straffe Mieder über ihrem Herzen, als sie sich ihm näherte. Er spürte die jungen Lippen, ihren Körper, der erleichtert aufseufzte, als sein Arm sie fester hielt. Jetzt gab es so wenig mehr Pläne, als wenn Dick willkürlich eine unauflösliche Mixtur hergestellt hätte, mit untrennbar verbundenen Atomen; man konnte vielleicht alles wegschütten, aber nie wieder würden sie sich in ihre alte Atomreihe einfügen. Wie er sie hielt und schmeckte, und sie sich weiter und weiter zu ihm bog, mit seinen eigenen Lippen, ihr selbst fremd, ertränkt und verschlungen von Liebe, dennoch getröstet und triumphierend, war er dankbar dafür, dass er überhaupt noch existierte, wenn auch nur als Spiegelung in ihren feuchten Augen.
Zärtlich ist die Nacht, F. Scott Fitzgerald (1896-1940)

Die Liebe und die Eifersucht.

„In der Liebe, sagen die Asketen, offenbart sich unsere beschämende Verwandtschaft mit dem Tier. Sei´s drum! Der Vorwurf lässt sich ertragen. Eifersucht ist das eigentlich Beschämende. Die Eifersucht, nicht die Liebe, verbindet uns so unverträglich mit dem Viehstall und erweckt Bilder von zwei ergrimmten Hähnen und einer zufriedenen Henne.
Wiedersehen in Howards End, Edward M. Forster (1879-1970)

Foto: © GaHetNa Nationaal Archief NL

Je stärker und persönlicher Schriftsteller von einem Thema ergriffen oder berührt waren, um so überzeugender war das Endprodukt. Und kann sie etwas mehr emotionalisiert haben als die Liebe?
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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