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B(r)uchstücke der Literatur XL-Die Poesie des Augenblicks

B(r)uchstücke der Literatur XL-Die Poesie des Augenblicks

                                               

Dickens verstand es meisterlich aus alltäglichen Anblicken und Gegebenheiten, Perlen der Poesie zu schöpfen.

Foto: © needpix.com

„Mit leidenschaftslos blindem Antlitz stiehlt sich die Dämmerung zitternd zu der Kirche hin, unter der der Staub des kleinen Paul und seiner Mutter liegt, und lugt in die Fenster. Es ist kalt und dunkel. Noch kauert die Nacht auf den Fliesen und brütet düster und schwer in den Nischen und Winkeln des Gebäudes. Die Turmuhr, die hoch über den Häusern thront, das Produkt einer der zahllosen Wellen im Strom der Zeit, die sich regelmäßig an den Gestaden der Ewigkeit brechen, ist wie ein Steinernes Zeichen undeutlich sichtbar: sie berichtet, dass der Strom immer weiterfließt; aber innerhalb der Mauern kann die Dämmerung zunächst nur die Nacht erspähen und sehen, dass sie noch dort ist.
So geistert das Morgengrauen um die Kirche; es schaut hinein und weint und klagt um seine allzu kurze Herrschaft, und seine Tränen träufeln auf Fensterglas, und die Bäume an der Kirchmauer beugen die Häupter und ringen mitfühlend ihre vielen Hände. Die Nacht erbleicht und verschwindet langsam aus der Kirche, zögert aber unten in den Grüften und hockt noch auf den Särgen. Und nun kommt der helle Tag, vergoldet die Turmuhr, färbt den Kirchturm rosig, trocknet die Tränen, die das Morgengrauen vergossen hat, und erstickt sein Klagelied; und die erschrockene Dämmerung verfolgt die Nacht und jagt sie aus ihrem letzten Schlupfwinkel, schrumpft dann in sich selbst zusammen und verbirgt sich mit angstvollem Antlitz in den Grüften bei den Toten, bis die Verfolgte, ausgeruht und frisch, wiederkehrt und sie vertreibt.“
                                        Dombey und Sohn, Charles Dickens (1812-1870)

 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein momentanes Geschehen uns berührt, und zu weiterführenden Gedanken verleitet. Jedoch es auch  in die richtigen Worte zu fassen, versteht nur der Dichter.

Foto: © Falt i det fri

„Wieder sah sie den Strahl des Leuchtturmes. Diesmal lag ein wenig Spott, denn wenn wir ganz wach sind, so ändert sich unser Verhältnis zu den Dingen, in dem fragenden Blick, mit dem sie den stetigen Strahl betrachtete, den erbarmungslosen, den grausamen, der so sehr sie selbst und ihr doch so wenig glich, der nach Gefallen über sie gebot ( sie erwachte nachts und sah ihn, wie er sich über ihre Betten spannte und den Fußboden abtastete); und doch, so dachte sie und betrachtete ihn bezaubert, gebannt, als striche er mit silbernen Fingern über ein versiegeltes Gefäß in ihrem Kopf, das, aufspringend, sie mit Lust überfluten würde, hatte sie Glück erfahren, köstliches Glück, starkes Glück; und er ließ das Silber auf den ungestümen Wellen ein wenig heller schimmern, nun das Tageslicht verdämmerte, und das Blau aus dem Wasser schwand, und das Meer ging mit Wogen von reinem Zitronengelb, die sich krümmten und schwollen und am Strand zerschellten; und die Lust barst in ihren Augen, und Wellen reiner Entzückung rasten über den Meeresboden ihres Seins, und sie fühlte: Es ist genug! Es ist genug!“
                                         Die Fahrt zum Leuchtturm, Virginia Woolf (1882-1941)

 

Der durchschnittliche Mensch erfasst den Augenblick als Gesamtes, der Poet zerpflückt ihn in Details.

„Sie standen still, um einander Lebewohl zu sagen. Alles vor ihnen befand sich auf einer absoluten Waagerechten. Die Sonne, die auf dem Horizont lag, ergoss ihre Strahlen durch die kupferfarbenen und violetten Wolken hindurch über den Boden, der sich völlig eben unter einem Himmel von gedämpftem Hellgrün erstreckte. Alle dunklen Gegenstände auf der Erde, die der Sonnenseite gegenüberlagen, waren von einem purpurnen Schleier überzogen, gegen den sich Schwärme von wimmelnden Mücken abhoben, die aufstiegen und gleich Feuerfunken herumwirbelten.“
                                                  Auf verschlungenen Pfaden, Thomas Hardy (1840-1928)

Foto: © Falt i det fri

 

Die Romantiker des 19. Jahrhunderts versuchten, alle Poesie, die ihnen innewohnte, in den Augenblick zu legen.
„Die Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold erglänzte in den Bäumen, und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein, die sich schwirrend und sumsend erhoben.“
                                             Die Elixiere des Teufels, E.T.A. Hoffmann (1776-1822)

Foto: © Falt i det fri

 

Es gibt Momente im Leben, in denen man meint, sein Leben klar zu überblicken.

Foto: © Library of Congress

„Als er den Ruf vernommen zu haben glaubte, schien es ihm, er könnte seine Zukunft sehen, sein Leben, unversehrt und in allen Teilen vollständig und unverletzlich, gleich einem klassischen, ruhigschönem Gefäß, in dem der Geist, behütet von dem rauhen Orkan des Lebens, neu geboren werden und sterben könnte, in Frieden sterben; im Augenblick des Todes wäre nur von fern das Rauschen des um seine Beute betrogenen Sturmes zu vernehmen, und alles, dessen man sich entledigen müsste, wäre kaum eine Handvoll verfallenen Staubes. Das war es, was das Wort Seminar bedeutet: ruhige, schützende Wände in deren Hut der geplagte und von seinen Hüllen gemarterte Geist von neuem heitere Ruhe lernen könnte, um ohne Angst und Entsetzen, seine eigene Nacktheit zu beschauen.“
              Licht im August, William Faulkner (1897-1962)

 

Einsetzender Schneefall kann den normalen Alltag in einen Augenblick der Nachdenklichkeit und Poesie verwandeln

Foto: © Bob Ramsak

 „Einige leichte Schläge gegen das Fenster ließen ihn dorthin blicken. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Schläfrig beobachtete er die Flocken, silbern und dunkel, die schief gegen das Lampenlicht fielen. Die Stunde war für ihn gekommen, sich auf die Reise nach Westen zu bereiten. Ja, die Zeitungen hatten recht: in ganz Irland schneite es. Der Schnee fiel auf jeden Teil der dunklen Ebene in der Mitte, auf die baumlosen Hügel, fiel leise auf den Bog of Allen und weiter nach Westen fiel er leise in die dunklen, aufrührerischen Shannonwogen. Er fiel auch auf jenen Teil des einsamen Kirchhofes auf dem Hügel, wo Michael Furey beerdigt lag. Dicht lag er auf den schiefen Kreuzen und den Grabsteinen, auf den Speeren des kleinen Gitters, auf dem kahlen Gesträuch. Langsam schwand seine Seele, als er den Schnee leise durch das Universum fallen hörte, leise herabfallen hörte wie das Nahen ihrer letzten Stunde auf alle Lebendigen und Toten

                                            Die Toten, James Joyce (1882-1941)

Liebe Leute, es ist nicht immer zwingend notwendig, die Poesie des Augenblicks außerhalb der eigenen vier Wände zu suchen, denn oft steckt sie, ganz unvermutet, zwischen zwei Buchdeckeln!
Euer Kultur Jack!

Beitragsbild Foto: © Pixabay

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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