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B(r)uchstücke der Literatur XLIV – Reise durch die USA

B(r)uchstücke der Literatur XLIV – Reise durch die USA

Tennessee Williams verdanken wir so wunderbare Stücke wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ oder „Endstation Sehnsucht“. Glücklicherweise kam er zur folgenden Einsicht:

„Und damals, ja ungefähr um diese Zeit, wollte das Leben als solches mir zum ersten Mal nicht mehr genügen, und ich wurde gezwungen, mir die Methode des Künstlers anzueignen: nichts auf sich beruhen zu lassen oder zu erklären, sondern die Stücke auf eine andere, irgendwie bedeutungsvollere Weise zusammenzusetzen. Einfacher ausgedrückt: ich begann zu schreiben…“

So gleichen sich Geigenkasten und Sarg, Tennessee Williams (1911-1983)

Foto: © Library of Congress

Auch so könnte man die atemberaubende Entwicklung des Universums und unserer Existenz sehen.

Foto: © Common Crow Books

„Die Geschichte des Universums wäre zum Beispiel sehr langweilig, wenn man versuchen wollte, sie in der üblichen Weise der menschlichen Erfahrung zu bedenken. Diese ganze Zeit ohne Ereignisse! Gase noch und noch und Hitze und Teilchen von Materie, und die Gezeiten der Sonne und die Winde, wieder diese schleichende Entwicklung, Winziges zu Winzigem, chemische Zufälle – ganze Zeitalter in denen fast nichts geschieht, leblose Meere, nur ein paar Kristalle, einige Proteinverbindungen in der Entwicklung. Die Langsamkeit der Evolution ist in der Betrachtung so ärgerlich. Die plumpen Fehler die man in Museumsfossilien sieht. Wie konnten solche Knochen kriechen, gehen, rennen? Der Gedanke ist quälend, wie die Gattungen sich vorangetastet haben – all diese Tappen, Sumpfschlurfen, Kauen, Lauern und die Fortpflanzung, die öde Langsamkeit mit der die Gewebe, Organe und Glieder sich entwickelten. Und dann auch die Langeweile bei der Bildung der höheren Typen und schließlich der Menschheit, das langweilige Leben paläolithischer Wälder, die lange, lange Inkubationszeit der Intelligenz, die Langsamkeit der Erfindung, die Idiotie der bäuerischen Zeitalter. Diese sind interessant nur im Rückblick, im Denken. Niemand könnte ertragen, das zu durchleben.“
Humboldts Vermächtnis, Saul Bellow (1915-2005)

Als Ray Bradbury 1953 seine Antiutopie „Fahrenheit 451“ schrieb, wusste er noch nicht, dass manche Aussagen darin prophetisch waren.

Foto: © Ray Bradbury

„Mehr Sport für jedermann, Jubel, Trubel und Gemeinschaftsgefühl, und man braucht nicht mehr zu denken, wie? Veranstalte und veranstalte und überveranstalte immer mehr sportliche Großveranstaltungen. Immer mehr Bildergeschichten in Buchform, immer mehr Filme. Der Geist nimmt immer weniger auf. Ratlosigkeit. Landstraßen verstopft mit Menschenmengen, die irgendwohin fahren, irgendwohin und nirgendshin. Der Benzinflüchtling. Ganze Ortschaften werden zu Absteigequartieren, die Leute branden heimatlos von Ort zu Ort, wie von inneren Gezeiten fortgespült, wohnen heute in dem Zimmer, wo du gestern geschlafen hast und ich vorgestern.“
Fahrenheit 451, Ray Bradbury (1920-2012)

Das 20. Jahrhundert entdeckte, wenig verwunderlich, den Großstadtroman. „Manhattan Transfer“ gehört zu den Bedeutendsten.

Foto: © Literatura, Hungarien Monthly

„Rotes Licht. Glocke.
Blocktief warten die Autoreihen am Bahnübergang, Stoßstangen an den Schwanzlichtern, Kotschutz streift Kotschutz, Motoren summen heiß, Auspuffe schwelen, Wagen aus Babylon und Jamaika, Wagen aus Montauk, Port Jefferson, Patschogue, Limousinen aus Long Beach, Far Rockaway, Kabrioletts aus Great Neck. Wagen voller Austern und nasser Badeanzüge, voll sonnverbrannter Hälse, Münder, klebrig von Limonade und Würstchen… Wagen bestäubt mit dem Blütenstaub des Kreuzkrauts und Goldregens.
Grünes Licht. Motoren rasen, Getriebe knirschen in den ersten Gang. Die Autos breiten sich aus, fliehen in langen Bändern die gespenstische Betonstraße entlang, zwischen schwarzfenstrigen Blöcken grauer Fabriken, zwischen den hellen, klatschigen Farben der Reklameplakate, vorwärts dem Glanz dort über der Stadt entgegen, der unglaublich in den Nachthimmel emporglänzt, wie der Glanz eines großen erhellten Zeltes, wie die gelbe ragende Masse einer Zeltschau.“
Manhattan Transfer, John Dos Passos (1896-1970)

Der Besuch eines Gottesdienstes sollte für den Gläubigen nicht bedeutungslos sein.

Foto: © Library of Congress

„Sonntagabendandacht. Ihm hatte immer geschienen, um diese Stunde komme der Mensch Gott näher als zu jeder anderen Zeit, näher als zu jeder anderen Stunde aller sieben Tage. Einzig diese von allen Zusammenkünften in der Kirche birgt etwas von jenem Frieden, der die Verheißung und das Ziel der Kirche ist. Bei dieser Gelegenheit allein, wenn überhaupt jemals, sind Gemüt und Herz gereinigt; die Woche und mit ihr, was sie an Unheil gebracht haben mag, ist vorbei, ist ausgelöscht und gesühnt von der strengen, formgebundenen Verzückung des Frühgottesdienstes; die nächste Woche und was sie an Unheil bringen mag, ist noch ungeboren, das Herz ist nun für eine kleine Weile still unter dem kühlen, sanften Atem des Glaubens und der Hoffnung.“
Licht im August, William Faulkner (1897-1962)

Eine klare Ansage einer Frau, geschrieben von einem Mann.

Foto: © Nancy Crampton, Ebay

„Man kann alles aushalten“, erklärte ihm Phoebe, „selbst wenn das Vertrauen verletzt ist, wenn man zugibt, was man getan hat. Dann verändert sich die Lebenspartnerschaft zwar, aber es ist immer noch möglich, Partner zu bleiben. Aber lügen – lügen heißt, sich auf schäbige, niederträchtige Weise über den anderen aufzuschwingen. Wer lügt, sieht zu, wie die andere Person auf Grund unvollständiger Informationen agiert – das heißt, wie sie sich demütigt. Lügen ist etwas so Alltägliches und trotzdem, für den Belogenen kommt es völlig überraschend. Die Leute, die von Lügnern wir dir verraten werden, nehmen eine immer längere Liste von Kränkungen hin, bis ihr am Ende gar nicht mehr anders könnt, als schlecht von ihnen zu denken. Ich bin überzeugt davon, dass so geschickte und hartnäckige und verschlagene Lügner wie du irgendwann an den Punkt gelangen, dass euch derjenige, den ihr belügt, und nicht ihr selbst als ernstlich beschränkt erscheint. Wahrscheinlich glaubst du gar nicht mal, dass du lügst – du hältst es für einen freundlichen Akt, glaubst, die Gefühle deiner armen sexlosen Gefährtin zu schonen. Wahrscheinlich hältst du deine Lügerei für etwas Tugendhaftes, für eine großmütige Handlung gegenüber der dummen Gans, die dich liebt. Oder vielleicht ist es auch nur, was es ist – eine Lüge, eine gottverdammte Lüge nach der anderen. Ach, was soll ich weiterreden – man kennt das alles doch schon zur Genüge“, sagte sie. „Der Mann verliert in der Ehe die Leidenschaft, aber ohne kann er nicht leben. Die Frau ist pragmatisch. Die Frau ist realistisch. Ja, die Leidenschaft ist weg, die Frau ist älter und nicht mehr, was sie einmal war, aber ihr reicht die körperliche Zuneigung, einfach mit ihm im Bett zu liegen, er in ihren Armen, sie in seinen. Die körperliche Zuneigung, die Zärtlichkeit, die Kameradschaft, die Nähe… Er aber kann das nicht akzeptieren. Denn er ist ein Mann, der nicht ohne leben kann. Nun, von jetzt an wirst du ohne leben, Mister. Du wirst ohne eine ganze Menge Dinge leben. Jetzt wirst du erfahren, was es heißt, ohne zu leben. Bitte, geh weg. Die Rolle, auf die du mich reduziert hast, kann ich nicht ertragen. Die mitleiderregende, nicht mehr junge Ehefrau, verbittert durch Zurückweisung, verzehrt von gemeiner Eifersucht! Wutschnaubend! Widerlich! Oh, dafür hasse ich dich mehr als für alles andere. Geh, verschwinde aus diesem Haus. Ich kann deine Visage nicht mehr ertragen, diese Maske eines Satyrs, der den braven Mann mimt! Von mir erhältst du keine Absolution – niemals! Ich lasse mich nicht mehr von dir als Spielzeug benutzen! Geh, bitte! Lass mich in Frieden!“
Jedermann, Philip Roth (1933-2018)

Auch wenn die USA ein relativ junges Land sind, haben sie doch eine unglaubliche Fülle an bemerkenswerter Literatur geschaffen. Besonders die Dichter des 20. Jahrhunderts verdienen jedes Lesenden Aufmerksamkeit.
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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