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B(r)uchstücke XXXVII – Der Himmel über uns

B(r)uchstücke XXXVII – Der Himmel über uns

B(r)uchstücke XXXVII – Der Himmel über uns

Fast alles, was wir über Ereignisse vergangener Jahrhunderte lesen, erscheint uns heute, durch die Entwicklungen, überholt. Eines jedoch hat, seit dem Auftauchen des Menschen, nichts von seiner Faszination und Unglaublichkeit eingebüßt – der Nachthimmel!

Foto: © National Portrait Gallery

„Der Himmel war klar – erstaunlich klar – und das Funkeln all der Sterne schien wie der Rhythmus eines einzigen Körpers, im Takt eines allumfassenden Pulsschlags. Der Polarstern war genau dort, wo der Wind herkam, und seit Einbruch der Dunkelheit hatte sich der Große Bär nach außen gegen Osten gedreht, bis er im rechten Winkel zur Erdachse stand. Der Unterschied in den Farben der Sterne, von dem man in England mehr aus Büchern als aus Erfahrung weiß, war hier tatsächlich feststellbar. Das machtvolle Feuer des Sirius blendete das Auge mit stählernem Glitzern, Capella war gelb, Aldebaran und Beteigeuze leuchteten in glühendem Rot.
Für jemanden, der in solch einer klaren Mitternacht allein auf einem Hügel steht, wird die Rotation des Erdballs zu einem fast greifbaren Erlebnis. Vielleicht wird dieses Gefühl von dem Panorama der Sterne hervorgerufen, die über das Irdische wandern, vielleicht hängt es auch mit dem weiten Blick zusammen, der sich von einem Hügel aus bietet, mit dem Wind oder mit der Einsamkeit; der Eindruck, dass man dahin getragen wird, ist jedenfalls, was immer die Ursache sein mag, sehr lebendig und unabweislich. Man spricht gern vom Rausch der Geschwindigkeit: Um dieses Vergnügen in epischer Breite auszukosten, muss man zu fortgeschrittener Nachtstunde auf einem Hügel stehen, sich seiner Größe, abgesetzt von der Vielzahl der zivilisierten Menschheit, die eben jetzt in Träumen befangen liegt und diese Fülle an Geschehen versäumt, bewusst sein, sich lange und still dem majestätischen Ziehen durch die Sternenräume hingeben. Es ist schwer, nach so einer nächtlichen Erkundungsfahrt wieder zur Erde zurückzukehren und zu glauben, dass das Bewusstsein solch grandiosen Dahineilens aus einem winzigen Menschenkörper kommt.“
Am grünen Rand der Welt, Thomas Hardy (1840-1928)

Die meisten Alltäglichkeiten unserer Welt lassen sich leicht in einem Satz zusammenfassen, sind aber, in Wirklichkeit, die Summe äußerst komplexer Einzelteile.

Foto: © viadellebelledonne.files.wordpress.com

„Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und vielen anderen bedeutsamen Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“
Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil (1880-1942)

Nicht jeden erfüllt die Dimension des Universums, und das Rätsel unserer Existenz, mit Staunen und Faszination – manch einen bereiten sie auch Angst.

„Ich schaue diese grauenvollen Räume des Universums, die mich einschließen, und ich finde mich an eine Ecke dieses weiten Weltenraumes gefesselt, ohne dass ich wüsste, weshalb ich nun hier und nicht etwa dort bin, noch weshalb ich die wenige Zeit, die mir zum Leben gegeben ist, jetzt erhielt und an keinem anderen Zeitpunkt der Ewigkeit, die vor mir war oder die nach mir sein wird. Ringsum sehe ich nichts als Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom, wie einen Schatten umschließen, der nur einen Augenblick dauert ohne Wiederkehr.“
Blaise Pascal (1623-1662)

Foto: © astrosurf.org

 

Unabhängig von Rasse, Kontinent, Religion, Erziehung, Erfahrung oder Gesinnung – der Blick nach oben hinterlässt bei jedermann Eindruck.

Foto: ©

„Nachdem er sein Abendgebet beendet, saß Mustapha auf dem Dach und schaute gen Himmel. Dieser war immer so, wie er ihn von Kindheit auf kannte. Er änderte sich nicht. Die Erde änderte sich, die Menschen änderten sich, aber er blieb fern und klar, heilig und rufend. Denn der große Allah hatte ihn unveränderlich und klar bestätigt, damit er Sein unauslöschliches Licht in den Augen widerspiegele. Damit die Seele des Menschen sich nicht mit Krätze bedecke. Damit die Gläubigen stets sich an sein beobachtendes Auge erinnerten.
Das alles wusste Mustapha gut. Er kannte und liebte den Himmel. Auch die Berge liebte er: sie sind ebenso treu und beständig. Sie halten Zwiesprache mit dem Himmel, und dieser vernimmt sie. Nun stehen sie da, still und blau schimmernd. Sie wissen was unter ihnen und ringsum geschieht, nehmen alles in ihre steinerne Brust auf und teilen es dem Himmel mit. Und die Wolken ziehen zu ihnen hin und hören zu. Und weinen.
Alles wusste Mustapha.
Er wusste auch auf welcher Seite des Himmels der Mond aufgeht, und wo er untergeht. Wohin das silberne Schwert verschwindet, das Allah über Land und Meer gespannt hat. Auf welchen Pfaden die goldene Herde wandelt.
Alles wusste Mustapha.“
Liebe in der Krim, Iwan Schmeljow (1873-1950)

Der Blick zum Himmel kann für manche auch zur kurzen Alltagsflucht werden und dadurch etwas Tröstliches verströmen.

Foto: © Wikimedia Commons

„An einem solchen Tag bietet der Anblick des Himmels dem Menschen den denkbar höchsten Trost; denn wenn er es auch als etwas Furchtbares empfindet, daß er sich ihm nie öffnen wird, um seinen Blick immer weiterdringen zu lassen, bis er den Gipfel der Ewigkeit erreicht, so ist er doch hoch, frei, gleicht der Unsterblichkeit und setzt sich vielleicht aus all dem Geisterhauch zusammen, der aus toten Blättern und gestorbenen Menschen aufsteigt.
An einem solchen Tag, wenn die Liebe wie ein ermatteter Vogel die Schwingen nur leise bewegt, tut es gut, stillzustehen und den Himmel lange zu betrachten. Das quälende Rascheln und die Düfte, die uns unablässig verfolgen, entschwinden dann vielleicht auf eine kleine Weile dem Bewusstsein; denn es scheint, als ob da oben die Harmonie noch immer ihre Schwingen ausbreite.“
Abschied, John Galsworthy (1967-1933)

Auch für Tagträume eignet sich der Blick nach Oben wunderbar.

Foto: © lne.es.asturama

„Mag der Garten noch so klein sein, mögen sich die Hecken noch so nahe gegenüberstehen, so hoch sind sie nicht, als dass man nicht ein großes Stück Himmel sehen könnte, wohin jedermann die Augen erheben kann, um zu träumen, ohne zu sprechen. Das Kind träumt von Zukunftsplänen, von der Wohnung, die es mit dem geliebten Kameraden beziehen will, um sie nie zu verlassen, es träumt von allen unbekannten Pfaden der Erde und des Meeres. Der Jüngling träumt von dem geheimnisvollen Zauber der Frau, die er liebt, die Mutter träumt von der Zukunft ihres Kindes, und die Frau, die sonst schwer ihren Frieden finden kann, entdeckt auf dem Grunde dieser lichten Stunde unter der kalten Außenseite ihre Mannes eine schmerzliche Wehmut, die sie tief zu Mitleid rührt. Der Vater verfolgt mit den Augen die Rauchwolke, die über ein Dach emporsteigt, und er hängt seine Gedanken an die freundlichen Szenen der Vergangenheit, die zauberhaft das Licht des Abends bis in die Ferne durchleuchtet. Er denkt an seinen kommenden Tod und an das Leben seiner Kinder nach seinem Tode; und so erhebt sich die Seele der ganzen Familie gläubig gegen Sonnenuntergang, während der große Lindenbaum, die Kastanie oder die Tanne über sie die Benediktion ihres erwählten Duftes ausgießt oder die Weihe ihres ehrwürdigen Schattens.“
Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben, Marcel Proust (1871-1922)

Für den Anblick des Himmels einen umfassenden Ausdruck zu finden ist, auf Grund seiner Schönheit und Dimension, kein leichtes Unterfangen und verlangt vom Schreibenden ein großes Maß an Können und Gefühl, meint
Euer Kultur Jack!

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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