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Henry Miller

Henry Miller

Liebe Leute, heute haben wir es mit einem „enfant terrible“ des 20. Jahrhunderts zu tun. Henry Miller, mag auf den ersten Blick wirklich so erscheinen, denn als ein Mitglied einer kapitalistischen, erfolgsorientierten, systemstützenden Gesellschaft, war er echt unbrauchbar.

Foto: ©Carl van Vechten Photographs, Library of Congress

Sein Studium schmiss er nach 2 Monaten hin, weil ihm die Leseliste nicht gefiel. Die meisten Jobs verließ oder verlor er wieder, denn bald erkannte er, dass seine wahre Leidenschaft dem Schreiben gehörte. Seine 2. Frau, er war fünfmal verheiratet, unterstützte ihn in seinem Vorhaben,  als Schriftsteller zu leben, indem sie ihnen einen mehrmonatigen Aufenthalt in Paris ermöglichte. In der Welt von Picasso & Co. fühlte er sich sofort heimisch, sodass er und seine Frau June 1930 zurückkehrten und längere Zeit dort verbrachten.
Für seine schriftstellerische Entwicklung  wurde seine Pariser Muse  Anais Nin sehr wichtig, mit der ihn und seine Frau auch eine „ménage á trois“ verband. Bei diesem Europaaufenthalt entstanden auch seine beiden „Wendekreise“.
Auf Grund des 2. Weltkriegs kehrte er in die  USA zurück und lebte  ab 1944 lange Zeit in Big Sur, Kalifornien. Dort schrieb er seine Trilogie „Sexus“, „Plexus“ und „Nexus“. In einem seiner Bücher schrieb er über Big Sur, dass die dortige Landschaft der Prototyp für Gottes Plan, in Bezug auf die Schönheit der Welt, sein muss.. Ich war einmal im benachbarten Carmel, und wusste sofort, als ich an der Küste stand, was er meinte – atemberaubend!!
Auf Grund seiner teilweise sehr offen sexuellen, obszönen und auch pornographischen Ausdrucksweise, gab es 1964 einen Gerichtsprozess, der mit dem Urteil, dass Millers Werk der modernen Literatur zugehörig ist, endete. In manchen Ländern waren seine Bücher bis in die 60er verboten.
Ja, liebe Leute, für manche mag jetzt die Einführung in das Werk dieses Schriftstellers nicht sehr einladend klingen, aber da der überwiegende Teil seiner Bücher sehr autobiographisch ist, lernt man den Menschen Henry Miller, während des Lesens, recht nah kennen.
In  erster Linie steht er vor uns als menschliches Wesen, dass, aus welchem Grund auch immer, vor und  in das Mysterium des Lebens gestellt wurde und es leidenschaftlich und fasziniert  durchlebt:
„Wenn ich die Möglichkeit hätte, Gott zu sein, würde ich sie zurückweisen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, ein Stern zu sein, würde ich sie zurückweisen. Die wunderbarste Möglichkeit, die das Leben bietet, ist menschlich zu sein. Sie schließt das ganze Universum ein. Sie schließt die Kenntnis des Todes ein, die nicht einmal Gott besitzt“.
  ( Wendekreis des Steinbocks)
DIE STUNDE DES MENSCHEN

„Ich wünsche mir, dass eine Stunde in der Woche Radio und Fernsehen abgeschaltet, Zeitungen und Zeitschriften beiseitegelegt werden, das Auto in der Garage verschlossen, die Bridgetische zusammengeklappt, die Flasche verkorkt wird, die Beruhigungsmittel in der Packung bleiben. Ich wünsche mir, dass Produktion und Konsum für die Dauer dieser einen Stunde vergessen werden, desgleichen die Politik, auf nationaler wie internationaler Ebene. Und während dieser einen Stunde, die ich Die Stunde des Menschen nennen möchte, könnte der Mensch sich selbst und seinen Nachbarn fragen, zu welchem Zweck er auf der Welt ist, was das Leben ist, was der Mensch vom Leben verlangen kann und was er ihm dafür schuldet. Wenn einer sich müht und nach dem strebt, was er wirklich will, ist es den Preis wert, den er an persönlichem Leiden zahlt? Nachbarn sollten aufmerksam dem zuhören, was Nachbarn zu sagen haben. Nur auf diese Weise wird sich das Auge nach Innen kehren. In den Seelen anderer Menschen könnten sie das unverzerrte Bild ihrer eigenen Seele erblicken. So wie sie anderen helfen, würden sie sich selbst helfen“.
( Von der Unmoral der Moral)
Man muss respektieren, dass Miller den Weg von – Kindheit, 40 Jahre Arbeit, Alter und Tod – nicht als den Seinen sah, und ich bewundere es auch, weil er, ohne reich geboren zu sein, kein einfacher Weg ist. Für ihn stand immer das „Sein“ über dem „Haben“:
„Wenn ich zum Ufer blickte, erschienen mir die Wolkenkratzer , die den Fluss überschatteten, wie Spielzeug. Wie zeitbedingt, wie armselig, wie eitel und anmaßend waren sie doch! In diese großartigen Grabmäler zwängten sich Tag für Tag Männer und Frauen, mordeten ihre Seelen, um Brot zu verdienen, verkauften sich, verkauften einander, ja, einige verkauften sogar Gott. Und abends strömten sie wieder heraus wie Ameisen, verstopften die Straßen, tauchten unter die Erde oder trotteten – klipp-klapp – heimwärts, um sich von neuem zu begraben, diesmal nicht in den grandiosen Grabmälern, sondern als die abgearbeiteten und zerschundenen Jämmerlinge, die sie waren, in Schuppen und Kaninchenställen, die sie ihr „Heim“ nannten. Bei Tag der Friedhof sinnloser Arbeit und Schufterei, nachts die Leichenhalle der Liebe und der Verzweiflung.“
( Nexus)
„Geld muss gemacht werden, so wie alle anderen Dinge gemacht werden. Dazu ist ein gewisses Maß von Intelligenz erforderlich, das glücklicherweise den meisten Menschen fehlt. Der Mensch bildet sich ein, er braucht Geld, mit dem er seine Wünsche befriedigen, seine Krankheiten kurieren, für sein Alter vorsorgen könnte und so weiter. Aber nichts könnte der Wahrheit fernerliegen. Denn könnte Geld tatsächlich alle diese Wunder wirken, dann wäre der glücklichste Mensch auf Erden der Millionär, was offensichtlich nicht der Fall ist. Natürlich sind die, die weder genug zu essen noch einen Platz zum Schlafen haben, genauso elend dran wie der Millionär, vielleicht sogar noch elender, obwohl sich das nicht mit Sicherheit sagen lässt. Wie immer geht es auch hier um die goldene Mitte. Der ist gewiss glücklicher, der gut gegessen und geschlafen hat und außerdem mit etwas Geld in der Tasche klimpern kann. Solchen Menschen sind eine Seltenheit – aus dem einfachen Grund, weil die meisten Menschen die Weisheit einer so einfachen Wahrheit nicht zu schätzen vermögen. Der Arbeiter glaubt, er wäre besser dran, wenn er die Fabrik unter sich hätte; der Fabrikbesitzer glaubt, er wäre besser dran, wenn er ein Finanzier sein könnte; und der Finanzier weiß, dass er besser dran wäre, wenn er den ganzen Kram los sein und ein einfaches Leben führen könnte. Wie der Papst gesagt hat: das Geld ist nicht die Wurzel allen Übels! Das Übel steckt in uns, in unserer Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen, in der wir uns befinden“.
                                                                ( Von der Unmoral der Moral)
Die obigen Passagen zeigen Millers philosophische Seite, und er war zweifellos ein Denker, jedoch das hätte nicht gereicht, ihn in eine Reihe mit den  bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zu stellen. Er war auch Poet, der uns, zum Beispiel, mit dieser Visualisierung von Menschen, Musik und Tanz, wortstark berühren kann:
„Sie verwoben sich miteinander, und lösten sich wieder, schätzten einander ab – Größe, Gewicht, Gestalt -,rieben die Flanken aneinander, maßen mit den Augen Busen, Taille und Hinterteil, studierten die Frisuren, die Nasen, die Haltung – die einen vor Begierde den Mund weit offen, andere geschlossen -,ballten sich zusammen, bewegten sich seitwärts, stießen sich, rieben sich, und überall ein Gesichtermeer, ein Fleischmeer, von schwerthaften Lichthieben durchschnitten, und der ganze Packen zu einem einzigen terpsichoreischen Eintopf zusammengekocht. Und über diesem heißen, konglomerierenden Fleisch, das in der riesigen Kuchenform herumwirbelte, klang das Geschmetter der Blechinstrumente, das Jammern der Posaunen, die heulenden Saxophone, die schrillen Trompeten, alles wie flüssiges Feuer, das direkt in die Drüsen ging. Auf den Seitenregalen stehen aufgerichtet wie durstige Schildwachen Behälter mit Orangeade, Limonade, Sassaparilla, Coca Cola, Nährbier, Eselinnenmilch und der Quetschbrei verwelkter Anemonen. Über allem das fast unhörbare Gesumme der Ventilatoren, die den sauren, ranzigen Geruch von Fleisch und Parfum einsaugen und ihn über die Köpfe der Straßenpassanten ausatmen“.
                                                                                        ( Nexus)
Ja, liebe Leute, manche Leser werden möglicherweise Probleme mit der sehr offenen, obszönen Erzähl – und Ausdrucksweise seiner sexuellen Erlebnisse haben, jedoch Ihn nicht zu lesen bedeutet, sich selbst eines Blickes auf einen Menschen zu berauben, der sein ganzes Leben auf der Suche nach Sinn und der Quintessenz des Lebens war. Er gehört, auf jeden Fall, zu den Schriftstellern die meinem Denken und meiner Handlungsweise andere Wege gezeigt haben.
Seine größten Leidenschaften waren wahrscheinlich das Schreiben, Frauen, Bücher, Menschen und Mensch zu sein. Es kommt auch noch die Malerei dazu, die er autodidaktisch betrieb und sein Oeuvre besteht sicher aus hunderten Aquarellen.
Sein Lebensweg war ein riskanter, weil man dabei leicht vor die Hunde gehen kann, aber der Erfolg hat ihm schlussendlich recht gegeben, meint
Euer Kultur Jack.

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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