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Schach mit dem Türken!

Schach mit dem Türken!

Ein Schachautomat anno 1769

Im Jahr 1769 verblüfft ein französischer Zauberer Kaiserin Maria Theresia mit einer Vorstellung in Schönbrunn derart, dass sie den Hofbeamten Wolfgang von Kempelen (1734-1804) nach Details zu den Zaubertricks befragt. Dieser zeigt sich von der Aufführung gar nicht so beeindruckt, denn er selbst könne einen Automaten bauen, der die Tricks des Franzosen allesamt lächerlich erscheinen lässt. Spontan stellt die Kaiserin ihren Beamten für ein halbes Jahr frei und Kempelen macht sich an die Arbeit.
Wolfgang von Kempelen ist eigentlich Jurist, aber seine große Passion ist das Erfinden und nach monatelanger Arbeit präsentiert er sein Werk ebenfalls in Schloss Schönbrunn.

 

Das Publikum sieht einen rechteckigen Kasten mit Türen und einer Lade, und dahinter steht eine lebensgroße Holzfigur in orientalischen Gewändern, und einem Turban auf dem Kopf. Vor dem Orientalen ist auf dem Kasten ein Schachbrett montiert. Kempelen erklärt der Kaiserin und dem Hofstaat, dass er eine Maschine gebaut habe, die Schach auf sehr hohem Niveau spielen kann. Er öffnet und schließt nacheinander alle Türen und Laden der Maschine, um dem Publikum das Innenleben zu präsentieren.
Der Erfinder platziert die Figuren auf dem Brett, zieht mit einem Schlüssel das Spielwerk auf, der Türke hebt eine Figur und stellt sie auf ein anderes Feld. Sein erster Gegner ist Graf Cobenzl und dieser verliert Figur um Figur. Nach einigen Zügen wird der Automat neu aufgezogen, und die Holzfigur kann auch den Kopf bewegen: Wenn die Dame des Gegners in Gefahr ist, nickt der Orientale zweimal, bei Schach dreimal und bei Zügen, die den Regeln widersprechen, schüttelt er den Kopf. Graf Cobenzl verliert die Schachpartie, Maria Theresia ist begeistert, und das barocke Wien hat eine Sensation.

Johann von Cobenzl, Foto: © portraitindex.de

 

Adel, Bürgertum, Gelehrte – fast ganz Wien sieht Vorführungen, und die Maschine gewinnt die meisten Spiele. Alle sind verblüfft, denn der Türke spielt keine Partien nach System, sondern es hat den Anschein, als würde er sich auf jeden Gegner einzeln einstellen. Kempelen selbst, gibt das Geheimnis nie preis, und 1772 ist der Andrang derart groß geworden, dass der Erfinder mitteilt, der Automat funktioniere nicht mehr, und legt die Einzelteile in seine Werkstatt.
Nach dem Tod der Kaiserin, acht Jahre später, möchte ihr Thronerbe, Joseph II., dem Großfürsten Paul von Russland, den Schachapparat vorführen, Kempelen baut ihn wieder zusammen, und der russische Herrscher ist derart begeistert davon, dass er den Erfinder dazu überreden kann mit der Maschine Europa zu bereisen. Auch auf dieser Tournee gelingt es niemandem zu ergründen, wie der Schachspieler funktioniert, manche glauben, allen Ernstes, dass er wirklich denken kann, denn er verliert wieder nur gegen die besten Spieler.
1785 kehrt Kempelen mit dem Maschinenmenschen nach Wien zurück, zerlegt den Apparat und sperrt ihn weg. 20 Jahre später stirbt der Erfinder und hat nie sein Geheimnis preisgegeben.
Der Sohn Kempelens verkauft den Türken an einen anderen Erfinder, den Mechanikus am Wiener Hof, Johann Nepomuk Mälzel, dem die Nachwelt, unter anderem, das Metronom verdankt. Der Automat wird wieder vorgeführt und ein Höhepunkt ist das Spiel gegen Napoleon I. 1809 in Wien. Der französische Kaiser versucht mit Tricks den Automaten zu besiegen, jedoch bei falschen Zügen nickt der Türke höflich, stellt aber die Schachfigur wieder auf den richtigen Platz und als Napoleon die Schummeleien nicht unterlässt, wischt der Holzmann alle Figuren vom Brett. Der Franzose ist beeindruckt!

 

1819 geht Mälzel auf eine langjährige Europatournee, verdient eine Menge Geld damit, gibt jedoch mehr aus als er verdient und flüchtet 1815 vor seinen Gläubigern nach New York. Dort beginnt das Spiel von Neuem und Mälzel geht mit dem Automaten auf eine Rundreise durch Amerika, verrät aber ebenfalls niemandem das Geheimnis der Maschine.
Erst 1835 gelingt es einem Reporter, mit detektivischer Meisterleistung, nach einer Vorführung, die Wahrheit zu ergründen – und dieser ist niemand geringerer als Edgar Allan Poe. In seinem Essay „Maelzels Chess Player“ zählt Poe 17 Gründe auf, warum in der Maschine ein Mensch stecken muss. Der Türke braucht verschieden lang für seine Züge, nie hat jemand den Kasten mit alle Türen zugleich geöffnet gesehen, innen ist er mit dickem Stoff ausgekleidet um Geräusche zu dämpfen ect.. In vielen Zeitungen des Kontinents erscheint das Essay.

 

Mälzel ist zu dieser Zeit unterwegs nach Havanna, erleidet Schicksalsschläge und erneute Geldnot, und stirbt 1836 auf der Rückreise in die USA in seiner Schiffskabine.
Der Hausarzt von Edgar Poe kauft den Türken vom Nachlassverwalter, von einem, für die Finanzierung,  eigens dafür gegründeten Verein, ersetzt fehlende Teile, bis er wieder funktioniert und weiht den Verein in das Geheimnis ein. Es war so wie Poe mutmaßte! Der Automat wird einer Kuriositätensammlung in Philadelphia geschenkt und fällt dort 1854 einem Feuer zum Opfer.
Die Allgemeinheit erfährt die Lösung des Rätsels erst 3 Jahre später. Der Sohn des Arztes schreibt in einer Zeitung einen Bericht über den Automaten – und so funktionierte er:

 

Vor Beginn der Aufführung steigt der Spieler von der Oberseite in den Kasten und setzt sich auf einen Schiebesitz. Auf Grund des beweglichen Sitzes, ist er immer hinter der Tür die momentan geschlossen ist. Luftlöcher sorgen für Sauerstoff und der Platz ist ausreichend für einen Menschen von damaliger normaler Größe. Licht spendet eine Kerze, deren Rauch durch ein Loch im Turban entweicht. Durch ein ausgeklügeltes System von Magneten und Metallplättchen, sieht der Spieler im Inneren die Züge am Brett. Er selbst hat ein eigenes Brett und setzt seine Züge, mit Hilfe eines Pantografen, in gleichbleibend regelmäßige Bewegungen des Türken um. Mit Schnüren wird der Kopf des Holzmannes zum Nicken oder Schütteln gebracht. Wer zu Kempelens Zeit im Automaten saß, weiß man bis heute nicht, aber eines ist klar, derjenige muss Schach sehr gut beherrscht haben.

 

Liebe Leute, dieser Schachautomat fasziniert die Menschen bis in die Gegenwart und deshalb ist er einige Male nachgebaut worden. Auch beruht eine der Erklärungen, für das heute gebräuchliche Wort, dass etwas „getürkt“ ist, auf der Geschichte dieses Apparates.

 

Jedoch eines steht außer Frage – obwohl der barocke Türke „getürkt“ war, stellen seine Mechanik und Konstruktion, die der Figur zu gleichmäßigen, ruhigen Bewegungen verhalfen, eine technische Meisterleistung dar!
Euer Kultur Jack!

Foto Beitragsbild: Humbold University Library

Über den Autor

Kultur Jack

Vor längerer Zeit in Wien geboren, und bis heute mit der Ortswahl glücklich! Da man von kultureller Leidenschaft allein schwer leben kann, bin ich, im kaufmännischen Bereich, selbständig tätig. Meiner Meinung nach, sollte man geistige Genüsse, nach deren Entdeckung, teilen und weitergeben, damit so viele Menschen wie möglich davon berührt werden. Es liegt ja auch im Sinne des Künstlers, sonst würde er ja kein Buch drucken lassen, oder Bilder zur Schau stellen. Mehr über mich !

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